Auf zwei Rädern und Bambus durch die Stadt

Fortschrittlich emissionsarm

Deutschland wird immer mehr zum Fahrradland. Viele Städte, wie Hamburg, Lübeck, Kiel, Berlin oder Göttingen, bauen Radschnellwege aus, um die tägliche Fahrt zur Arbeit komfortabler zu machen. Längst radeln Menschen nicht mehr nur auf Drahteseln, sondern auf Fahrrädern aus Bambus.

Seit Jahren ist das Radfahren im Kommen. Im Jahr 2016 errang die Stadt Göttingen den zweiten Platz beim Deutschen Fahrradpreis für ihr Projekt „eRadschnellweg“. In vielen deutschen Großstädten hat sich die aus San Francisco stammende Critical Mass als regelmäßige Fahrraddemo für mehr Akzeptanz des Zweirads auf den städtischen Straßen etabliert. Weltweit wirbt das friedliche Fahrrad-Event für mehr Rücksicht und Respekt aufseiten des motorisierten Verkehrs. 

Spätestens seitdem die deutsche Autoindustrie mit ihren Schadstoffwerten öffentlich in der Kritik steht, blicken Fahrradhersteller auf steigende Umsätze. Von der Jahrtausendwende bis 2016 stieg der Gesamtumsatz des Fahrradverkaufs in Deutschland um knapp eine Milliarde Euro

Fahrräder aus Naturrohstoffen wie Bambus – geht das?

Kein Wunder, dass die Fahrradbranche umdenkt. Biologisch abbaubare Produkte und ökologisch attraktive Experimente sind bei kleinen Manufakturen beliebt. Dennoch ist das Bambusrad für den ambitionierten Umweltfreund und Fahrradfan auf den ersten Blick anziehend und fragwürdig zugleich. Schick sehen die Rahmen aus flambierten Bambusstangen zwar aus. Dass sie stabil sind, glaubt man auch sofort, denn es ist bekannt, dass Bambus eine Menge aushalten kann. Aufgrund seiner Struktur aus einzelnen Fasern ist der Rohstoff biegsam und stabil zugleich. Aber ist seine Verwendung angesichts der bis zum Endprodukt aufwendigen Verarbeitung so umweltfreundlich, wie die Hersteller behaupten? Und wieviel Bambus ist letztlich an einem Bambusfahrrad dran? 

Auch bei ökologischer Herstellung gibt es Abstufungen

Aus Bambus wird in den letzten Jahren vieles hergestellt, das sonst aus Kunststoff gefertigt wird. Etwa Gläser, Bestecke, Salatschüsseln, Teller und Kaffeebecher für unterwegs. Oft merkt man es dem wie Campinggeschirr anmutenden Teil gar nicht an, dass sein glattes, leichtes Material nicht aus Kunstfasern besteht. Der Grund, Bambus als Werkstoff zu wählen, liegt auf der Hand: Er ist vielseitig einsetzbar, als reines Naturprodukt biologisch abbaubar und erfüllt alle, am Kunststoff hochgelobten, Eigenschaften, wie Formbarkeit, Härte, Elastizität, Bruchfestigkeit, Temperatur- und Wärmeformbeständigkeit. Bambus ist als reines Naturprodukt ein schnell nachwachsender Rohstoff. 

Dieses Material für Fahrräder zu verwenden, bietet sich an, denn ein Fahrradrahmen soll leicht, stabil und belastbar sein. Bambus weist ein höheres Verhältnis von Festigkeit zu Gewicht auf als Stahl. Diese Festigkeit lässt sich mit der von Beton vergleichen. Als Werkstoff für die Fahrradrahmenherstellung ist das „Naturtalent“ also nahezu perfekt geeignet.

Wie kommt der Bambus in die Fahrradwerkstatt?

Für ihre Herstellung erntet die Karlsruher Fahrradmanufaktur bambusheld.de die Bambusstangen im deutschen Wald, bevor sie diese völlig CO2-neutral per Zweirad und Muskelkraft nach Hause transportiert. Der verwendete Bambus wächst in Baden, und auch die gesamte Produktion und Entwicklung findet dort statt. Der Firmengründer, gleichzeitig Erfinder, packt selbst mit an. 

Sein gesamter Produktionsprozess für die Bambusfahrräder verläuft manuell, jedes Detail plant die Firma minutiös und individuell. Am Ende entsteht ein Unikat, das allerdings nur zum Teil aus Bambus besteht. Die Verbindungsstücke für die einzelnen Rahmenstangen sind aus Epoxidharzen gefertigt. Wobei es umstritten ist, Kunstharz zu verwenden. Jährlich werden Hunderte Krankheitsfälle allein in Deutschland registriert, die mit dem Harz und seinen Härtern in Verbindung stehen.

Sozial und ökologisch rund um das Bambusfahrrad

Es ist bei der umweltgerechten, nachhaltigen Herstellung noch viel Luft nach oben. Zum Beispiel geht der Fahrradhersteller my Boo aus dem norddeutschen Kiel in puncto Nachhaltigkeit deutlich weiter. Nicht umsonst hat das Team es im Jahr 2017 unter die Top 10 der GreenTec Awards in der Kategorie Lifestyle geschafft. Die GmbH setzt auf soziale und ökologische Nachhaltigkeit und hat in den letzten vier Jahren bereits über 300 Schulstipendien sowie viele Bibliotheken in der Ashanti Region in Ghana finanziert. Zusätzlich hat sie, gemeinsam mit der UNICEF, ein Bike-to-School-Programm ins Leben gerufen. 

my Boo bietet ein breites Sortiment an Fahrradmodellen, darunter auch Pedelecs, mit Elektrounterstützung ausgestattete Fahrräder, natürlich aus Bambus. Den Rohstoff bezieht der Hersteller aus der genannten Region Ghanas, wo er sowohl fair bezahlte Arbeitsplätze schafft als auch, durch den Bau einer Schule, die Bildung einheimischer Kinder fördert. 

Jährlich reist my Boo persönlich nach Ghana, um sich von der Einhaltung fairer Arbeitsbedingungen bei der Produktion zu überzeugen und die Prozesse vor Ort zu überprüfen. Die Fahrradrahmen werden anschließend in der Kieler Manufaktur in Einzelplatzmontage zusammengebaut und verkauft. Ihr Erlös fließt zum Teil direkt nach Ghana, wo er Familien ernährt und Kinder zur Schule gehen lässt. Ein rundum stimmiges Projekt also.

Gemeinsame Ziele verbinden deutsche Hersteller

Auch die von Fahrradherstellern verwendeten Lenkergriffe aus Birkenrinde produziert my Boo nachhaltig und ökologisch einwandfrei. Die Griffe verfügen über einen stabilen inneren Kern aus Aluminium. Die äußeren Birkenrindenringe sollen selbst in nassem Zustand griffig bleiben, sind pH-neutral, witterungsbeständig und langlebig. Sie bestehen aus 60-70 Lagen Birkenrinde, in Handarbeit gestanzt, sortiert und zusammengefügt. Den Naturrohstoff zu verwenden führt dazu, dass jedes Teil als Unikat aus der Produktion kommt. 

Für Zubehör, das die Fahrradmanufaktur nicht selbst herstellen kann, kooperiert sie mit deutschen Firmen, die ökologisch, ethisch und bestenfalls regional herstellen und verarbeiten. Auch auf den Einsatz hochwertiger Rohstoffe achten die Gründer, denn ihnen geht es um die hundertprozentige Vertretbarkeit ihrer Fahrräder. In Zusammenarbeit mit der Sattlerei Cosack auf dem Rittergut Wildshausen in Arnsberg werden hochwertige Satteltaschen handgefertigt. Nach alter, traditioneller Sattlerkunst wird dabei Rindsleder auf natürliche Weise ohne chemische Schadstoffe gegerbt und weiterverarbeitet. 

Deutsche Fahrradverbände auf dem Vormarsch

Darüber hinaus fördern deutsche Fahrradverbände Veranstaltungen in ihrem Bereich sowie das Bewusstsein für den ökologisch verantwortungsvollen Verkehrsbetrieb. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) e. V. ist ein in Bremen ansässiger Verkehrsclub für Radler. Er vertritt eine sanfte Mobilität in zahlreichen deutschen Städten. Im Jahr 1988 veranstaltete der ADFC erstmals den Fahrradklimatest, der seither regelmäßig wiederholt wird. 

Zudem legte die Bundesregierung im Jahr 2002 auf seine Forderung hin erstmals einen nationalen Radverkehrsplan vor. Mit seinen über 165.000 Mitgliedern ist der ADFC eine Interessenvertretung für Radler, die sich vielseitig für den Umweltschutz auf zwei Rädern einsetzt. Sein Credo: Das Auto stehenlassen, wann immer es geht, und mit dem Fahrrad fahren. In vielen deutschen Städten unterstützt der gemeinnützige Verein beispielsweise die Fahrten der Critical Mass durch Werbung oder durch Teilnahme. 

Fahrradvereine und Arbeitskreise für Zweiradverkehr

Weitere deutsche Fahrradverbände treiben den vermehrten Einsatz von emissionsfreien Zweirädern voran. Der Human Powerd Vehicles (HPV) e. V. setzt sich seit 1985 für innovative Fortbewegung ein. Er versteht sich selbst als eine Interessengemeinschaft für „Tüftlerinnen und Tüftler und Technikerinnen und Techniker, Alltagsfahrerinnen und Alltagsfahrer, Reiseradlerinnen und Reiseradler, Sportlerinnen und Sportler, Rekordfahrerinnen und -fahrer und alle anderen Menschen, die fast ausschließlich aus eigener Muskelkraft mobil sein wollen“. Dabei beschäftigt sich der Verein mit Alternativen zum klassischen Zweirad, wie Velomobilen, Liegerädern und Alleskönnern, etwa Lastenrädern. Besonders im Stadtverkehr mischen Letztere immer häufiger mit, sei es für den Großeinkauf oder für den Transport von größeren Gegenständen. 

Hingegen hat sich der Arbeitskreis Verkehr und Umwelt UMKEHR e.V. (ehemals Arbeitskreis Verkehr im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU)) darauf spezialisiert, Bürgerinitiativen und Verkehrsvereinigungen zu unterstützen und widmet sich weniger dem Fahrrad als Vehikel. Vorrangig setzt der Verein sich für einen umweltschonenden und menschengerechten Verkehr ein. Dabei geht es sowohl um Radfahrer als auch um Fußgänger und den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Dies alles fördert UMKEHR, damit Emissionen durch Flugzeuge und Autos verringert werden. Der Verein gründete sich im Jahr 1978 in Berlin zum Zweck der Koordinierung der Verkehrs-Bürgerinitiativen-Bewegung.

Fahrradfans in Presse und Netz

Auch in der Presse und online redet die Lobby der CO2-freien Mobilität fleißig mit. Die Seiten der pressedienst-fahrrad GmbH geben dem Fahrrad und den damit verbundenen Themen den Raum für Informationen, den es dem Betreiber nach verdient. Die Website versteht sich als Sprachrohr für alles rund um Zweirad, Radreisen, Radsport und -neuigkeiten. Hier liest der Interessierte, was auf dem Markt passiert, welche Produkte neu sind, und welche Verbände und Pressestimmen sich mit dem Zweiradthema öffentlich befasst haben.

Immer öfter nimmt auch die freie Presse Notiz von den Fahrradlobbyisten. Wenn Bürgerentscheide sich für mehr Fahrradverkehr und seine staatliche Förderung in ihren Städten einsetzen, gerät die Politik zunehmend unter Druck. Geplant ist in der deutschen Fahrradgemeinde, aus Deutschland ein ebensolches Fahrradland zu machen, wie es die Niederlande bereits sind. Dieses Ziel zu erreichen, würde die CO2-Belastung deutlich senken und eine gesündere, sportlich aktivere Gesellschaft hervorbringen.

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