Dämmen mit Seegras

Natürlich besser

Im Jahr 2016 gewann die Stadt Karlsruhe unter dem Thema „Innovation schafft Vorsprung“ den Hauptpreis für die Dämmung der obersten Geschossdecke einer Grundschule. Die vorbildliche Innovation, die es dank dieser Aufmerksamkeit daraufhin zum Durchbruch schaffte, war das für die Dämmung verwendete Material: Es besteht aus hundertprozentig natürlichem Seegras.

Entwickelt und mit der Firma Neptutherm im großen Stil nutzbar gemacht hat das gleichnamige Produkt Prof. Dr. Richard Meier. Unter anderem mit Forschungshilfen des Fraunhofer Instituts für Bauphysik IBP in Stuttgart und Unterstützung bei der Produktentwicklung durch das Fraunhofer Institut für Chemische Technologie ICT in Pfinztal entstand aus der Pflanze Posidonia oceanica, besser bekannt als schlichtes Seegras, ein für die Dämmung von Häusern und Dächern optimal einsetzbarer, nachhaltiger Rohstoff. Für seine Herstellung wird das Seegras gesammelt und aufbereitet, sodass es sich letztendlich nicht nur zum Stopfen und Schütten, sondern sogar für die Einblasdämmung eignet. 

Neben dem im Trend der Zeit liegenden Faktor der Natürlichkeit und somit einer erstklassigen Klimabilanz des Rohstoffs, birgt unbehandeltes Seegras einen weiteren Vorteil: bei einer Dachdämmung mit dem Naturmaterial ist kein künstliches, zusätzliches Brandschutzmittel notwendig, da es in der Brandklasse B2 rangiert. Heute arbeitet die deutsche Energieheld GmbH standardmäßig mit dem neuartigen Dämmmaterial Neptutherm und erfreut sich zahlreicher zufriedener Kunden. Der Name „Neptutherm“ leitet sich übrigens ab von den im Mittelmeer angespülten Seegrasbällen, den sogenannten Neptunbällen. 

Haufen Neptunkugeln am Meer

Die Tugend: aus Abfall nachhaltigen Rohstoff gewinnen
Doch warum entschied sich Prof. Dr. Meier ausgerechnet für Seegras als natürliches Dämmmaterial? Die Antwort liegt für Küstenbewohner und gute Beobachter verschiedener Strände auf der Hand. Wer an der Ostsee oder Nordsee wohnt oder im Sommer an ihren Stränden (oder denen des Mittelmeers) Urlaub macht, kennt das leidige Problem mit den überall liegenden Seegrashaufen. Je nachdem, wie der Wind steht, sammelt sich von dem angespülten Seegras mal mehr, mal weniger an den Stränden an und sorgt an der Nordsee sogar für erheblichen Schaden. Denn unter den Treibseln, wie das angespülte Gut auch genannt wird, stirbt die Grasnarbe ab. Letztere ist jedoch zur Landbefestigung gegen Sturm und Wind vonnöten. Aber auch andernorts stört das Naturmaterial, das sich in manchen Buchten zu großen Haufen türmt. Es riecht nicht gut, nimmt Strandbesuchern die Liegeplätze weg und sieht nicht schön aus.

Jährlich betreiben die zuständigen Stellen an den deutschen Stränden der Ost- und Nordsee sowie an denen des Mittelmeers enormen finanziellen Aufwand, um die Treibsel und ihre angespülten Mitbringsel wie Muscheln, Steine, Fische, Plastik, Krebse, Krabben und Unrat, den unter anderem Schiffe auf dem Meer hinterlassen, von den Ufern zu räumen. Dabei ist die Entsorgung alles andere als unkompliziert, denn aufgrund des im Seegras enthaltenen Abfalls darf Treibsel nicht verbrannt werden und gilt als Schadstoff, der auf der Mülldeponie zu landen hat. 

Innovation aus Tradition
Bis in die Fünfzigerjahre schätzte man Treibsel als wertvollen, nachhaltigen Rohstoff. Es wurde nicht nur als Dünger und Bodenhilfsstoff in der Landwirtschaft eingesetzt, sondern damals schon als Dämmmaterial für Häuser und Dächer. Dank der allgemeinen europäischen Bemühungen, mehr auf biologische Rohstoffe zurückzugreifen, auf eine positive Klimabilanz zu achten und ökologisch nachhaltig zu wirtschaften, erlebt das Seegras als Rohstoff derzeit seine Renaissance. Sowohl in der Naturkosmetik, der alternativen Medizin, als Nahrungsergänzungsmittel als auch in weitaus größeren Mengen bei der Umwandlung in Biomasse als ökologischem, natürlichem Energielieferant kommt es vielfach zum Einsatz. Die Firma Neptutherm hat es im großen Stil salonfähig gemacht. Zuletzt erhielt der Gründer und Erfinder des biologischen Dämmstoffs Prof. Dr. Meier im Jahr 2016 den StartGreen Award in Berlin – leider posthum, da er nur wenige Tage zuvor einem Herzinfarkt erlag. 

Doch seine Idee lebt weiter und findet deutsche Nachahmerprojekte. In der Pilotregion Ostseeküste Schleswig-Holstein zum Beispiel treibt das Vorhaben POSIMA an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, unter Förderung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, die Nutzbarmachung des Rohstoffes Seegras mithilfe verschiedener Firmen sowie wissenschaftlicher Forschung voran.

Fotos: Shutterstock/Leslie Patrick, Shutterstock/Artesia Wells 

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