Smartphones, „einsam“ Made in Germany produziert

Meist stammen Smartphones aus China, Thailand oder Vietnam. Mit den Modellen von Gigaset kommen diese Geräte erstmals wieder Made in Germany auf den Markt. Dadurch macht die Firma von sich reden.

Zuletzt stellte 2008 Handy-Hersteller Nokia seine Bemühungen ein, als die Verkaufszahlen abrutschten. Siemens hatte bereits vier Jahre zuvor seine Mobiltelefonsparte an die taiwanische Firma BenQ verkauft. Eine andere Tochter, die sich vom Konzern abgespalten hat, will die deutsche Handy-Branche wiederbeleben – Gigaset, ursprünglich  für Festnetztelefone bekannt. In dieser Sparte ist es europäischer Marktführer und weltweit die Nummer zwei. Allerdings gestaltet sich der Markt zunehmend unattraktiver, denn der Absatz von stationären Telefonen sinkt. 

Grund dafür ist das Smartphone, mit dem Anwender zusätzlich auch eine Festnetznummer nutzen können, die bundesweit zum Festnetzpreis erreichbar ist. Anrufer vermeiden so teure Handygebühren , Nutzer haben den Vorteil, sich auf ein Gerät zu beschränken. Die Funktion ist allerdings teilweise kostenpflichtig und nicht in jedem Tarif enthalten. 

Allerdings gehören Festnetzanschlüsse in Unternehmen noch zum üblichen Inventar. Ebenso sind nach wie vor noch genügend Privatkunden aufgrund der besseren Verbindungsqualität von der verkabelten Technik überzeugt. Insgesamt ist sie bei älteren Menschen weiter verbreitet als bei jüngeren, die sich den Festnetzanschluss größtenteils für schnelles Internet zulegen. Tarife, die ausschließlich Internet anbieten, sind zwar verfügbar, aber kaum günstiger. Deshalb überwiegen auf dem Markt die Kombiangebote mit Internet- und Festnetzanschluss.  

Gigaset nimmt Herausforderung an

Ende 2016 wagte Gigaset den Sprung in die Smartphone-Branche. Das lancierte Modell war mit 149 Euro deutlich günstiger als vergleichbare Konkurrenzprodukte, obwohl die Lohnkosten in Deutschland höher sind als in asiatischen Ländern. In Bocholt im Münsterland, nahe der niederländischen Grenze, arbeiten die Beschäftigten eng mit spezialisierten Robotern zusammen. Durch die Teilautomatisierung der Fabrik hat die Firma die Kosten gesenkt und die Effizienz enorm gesteigert. Zudem verringern die kurzen Transportwege den Logistikaufwand und machen alle Abläufe flexibler.

Jeweils ein Mitarbeiter übernimmt die komplette Montage. Dabei unterstützen ihn hochmoderne Industrieroboter, die filigrane Schrauben einsetzen oder andere Kleinteile mit höchster Präzision platzieren. Die gesamte Anlage hat das Unternehmen für 400.000 Euro konstruiert. Im Verhältnis zu den üblichen Kostenstellt dies nur einen kleinen Bruchteil dar. Dank der Arbeitsweise der sogenannten Cobots  ist eine  Sicherheitszone überflüssig. Die menschlichen Aufgaben beschränken sich auf das Verpacken und die Qualitätskontrolle. 70 Prozent des Herstellungsverfahrens sind automatisiert, und so verlassen wöchentlich rund 6.000 Geräte die Produktion.

Der Weg des Smartphones

Für gewöhnlich kommen Fernseher, Computer und sonstige Elektrogeräte jeglicher Art aus Fernost. Geringe Lohnkosten und zahlreiche Zulieferer locken die Produzenten. Die Rohstoffe stammen meist aus Afrika, Asien oder Südamerika, wo Arbeiter sie unter schlechten Bedingungen und niedrigen Umweltstandards abbauen. Dabei arbeiten Bergleute ohne Schutzkleidung in gefährlichen Umgebungen, auch Kinder sind darunter. Die Produktion erfolgt größtenteils in China und Indien unter ähnlich schlechten Bedingungen. Als wäre das nicht negativ genug, verursachen lange Transportwege zu den globalen Zielmärkten einen gesteigerten CO2-Ausstoß.

Auf den Smartphones von Gigaset befindet sich rückseitig das begehrte Siegel Made in Germany. Jedoch fertigt die Firma nur in Deutschland, die Elektronik stammt mehrheitlich aus Asien. Das Unternehmen gibt an, dass 60 Prozent der Wertschöpfung auf deutschem Boden stattfinden. Die meisten Komponenten muss es importieren , weil  in Deutschland Hersteller von Displays fehlen, ebenso sind leistungsfähige Akkus nicht erhältlich. Bei Erfolg plant Gigaset, weitere Produktionsschritte in die Heimat zu holen. Hierzulande nimmt der Smartphone-Hersteller noch eine Monopolstellung ein, gleichwohl muss er sich mit dem internationalen Wettbewerb messen.

Solide Technik

Mitte 2017 hat Gigaset zwei neue Modelle aus seiner Smartphone-Familie vorgestellt, darunter das GS185. Es enthält einen 4.000 mAh Lithium-Polymer-Akku, der ohne Ladung beeindruckende 550 Stunden im Stand-by-Modus verbringen kann und eine Telefoniedauer bis zu 35 Stunden  durchhält. Nach 3,5 Stunden ist er vollgeladen. Der Bildschirm ist 5,5 Zoll groß, das Display weist 1.440 × 720 Pixel auf und ist japanischen Ursprungs. Haupt- und Frontkamera haben jeweils eine Auflösung von 13 Megapixel, Videos werden in FullHD gespeichert. Über einen USB-Port schließt der Nutzer Geräte an, etwa  Maus, Tastatur oder USB-Stick. Das GS185 verfügt über zwei SIM-Kartenschächte und einen microSD-Speicherkartenschacht, sodass sich die Speicherkapazität um bis zu 256 Gigabyte vergrößern lässt. Zudem glänzt das Aluminiumgehäuse in eleganter Optik.

Im Inneren des Geräts befindet sich ein Qualcomm-Vierkernprozessor mit 16 Gigabyte Speicherplatz und 2 Gigabyte Arbeitsspeicher. Die Technik ist nicht völlig up to date, aber mehr als ausreichend und arbeitet zuverlässig. Auffallend ist hingegen das vorinstallierte Android-8.1-Oreo-Betriebssystem. Teilweise sind Premiummodelle zum vierfachen Preis noch nicht auf diesem aktuellen Software-Stand. Weitere zahlreiche Features, wie Fingerabdrucksensor oder die Option, das Smartphone als Powerbank zu verwenden, sind vorhanden, machen es jedoch nicht zum Glanzstück der Technik. Durch seinen Preis ist es auf dem Markt aber durchaus konkurrenzfähig. 

Zuletzt hat sich Gigaset mit einer Produkteinführung hervorgetan, die allen aktuellen Trends entgegensteht: Das DL580 ist ein klassisches, schnurgebundenes Festnetztelefon, das sich insbesondere an ältere Menschen richtet. Denn sie verlegen schnurlose Modelle des Öfteren und laden sie daher nicht rechtzeitig auf. Dieses Telefon erfüllt ihre Bedürfnisse dank großer Tasten mit klarem Druckpunkt und einer leserlichen Darstellung auf dem Display. Zudem ist es kompatibel mit Hörgeräten, die Lautstärke des Ruftons lässt sich besonders laut einstellen, und zusätzlich bringt es eine optische LED-Signalisierung mit.

Hat das deutsche Smartphone Zukunft?

Erfreulich ist, dass der Telefonexperte die Bedürfnisse seiner Kunden versteht und auf sie angepasste Produkte entwickelt. Ob Gigaset es jedoch schafft, sich in der hart umkämpften Smartphone-Branche zu behaupten, wird sich zeigen. Der chinesische Mehrheitseigner der Firma Pan Sutong stellt für deren Expansion keine Mittel zur Verfügung. Auch in Marketing und Entwicklung investiert das Unternehmen nur mäßig. Daher planen die Geschäftsführer Klaus Weßing und Stephan Mathys für Gigaset, langsam zu wachsen. 2017 haben sie rund 20,6 Millionen Euro mit einem Absatz von circa 100.000 Geräten erwirtschaftet, ein Bruchteil des Gesamtmarkts von mehr als 1,46 Milliarden verkauften Smartphones.

Doch auch im Kleinen erhält Gigaset viel Aufmerksamkeit für seine „einsame“ Produktion in Deutschland, denn sogar Pioniere wie Apple fertigen in China. Für die Zukunft wollen die Bocholter sich auch im Bereich SmartHome profilieren. Ende letzten Jahres gab das börsennotierte Unternehmen eine Kooperation mit Conrad Connect bekannt. Auf einer gemeinsamen IoT-Projektplattform (IoT: Internet of Things) will man künftig Geräte unterschiedlicher Hersteller miteinander vernetzen. So lassen sich alltägliche, komplexe Prozesse per Knopfdruck automatisieren. Dabei bleibt das Unternehmen der eigenen Kultur treu und plant, die Produktion in Deutschland weiter auszubauen. 

Foto: Pixels/Pixabay.com

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