Industrielle Papierherstellung à la Friedrich Gottlob Keller

Mit dem Papier ist es wie mit der Schrift: Weder das eine noch das andere wurde von einem Deutschen erfunden. Bei beiden die Geschichte der Menschheit verändernden Entdeckungen leisteten erst Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende später zwei Deutsche einen entscheidenden Beitrag: die günstige Massenherstellung von Papier und damit die Möglichkeit der Verbreitung des Wissens bis in den letzten Winkel der Welt.

Aber von vorne: Die Chinesen haben das Papier erfunden. Wer genau, ist nicht klar, denn es ist sicher, dass es Papier schon lange vor dem ältesten gefundenen beschriebenen Blatt gab, das in China entdeckt wurde. Es ist einfach so lange her, dass es niemand mehr nachvollziehen kann. Deshalb wird Ts'ai Lun als Erfinder genannt, weil er der erste war, der die Herstellung nach heutigem Prinzip beschrieb und auch durchführte. Klar ist auch, dass, während in China bereits auf Papier geschrieben wurde, in Europa die Menschen noch nicht die leiseste Ahnung davon hatten. Die Ägypter hingegen schrieben ihre Schriftzeichen bereits ebenfalls auf Papyrus. Zum Glück erhellte China irgendwann Europa mit einigen seiner Erfindungen, das diese auch gerne nutzte. Es war nur so schrecklich aufwendig, Papier herzustellen und auch sehr teuer, weshalb Bücher nicht mal eben an den Nachbarn verliehen wurden. Denn für die Erstellung des Materials wurden Lumpen genutzt, die vor ihrer Verwandlung gewaschen werden mussten. Die Prozedur dieses eigentlich altertümlichen Recyclings war leider sehr umweltschädlich. Die Abwässer wurden ungefiltert in Flüsse geleitet und es gab viele Vorfälle, bei denen Menschen gesundheitliche Schäden davontrugen. Als der Papierindustrie dann auch noch die Lumpen ausgingen, war die Verzweiflung groß. Bis Friedrich Gottlob Keller auf die Idee kam, das Material mittels Holzschliff herzustellen: Dies war nicht nur billiger, sondern auch in großer Menge möglich. Außerdem war dieses Verfahren für die Umwelt weitaus verträglicher. Im Jahr 1843 glückte Keller zum ersten Mal dieser Prozess. Der Startschuss für die Massenverbreitung der Informationen und das moderne Zeitungswesen war gegeben. So ist auch die erste Zeitung aus dem neuen Stoff eine Erfindung „Made in Germany“: das Frankenberger Kreisblatt aus dem Jahre 1845. Dabei muss man mit dem Gerücht aufräumen, sie sei die erste Zeitung überhaupt. Denn sie ist natürlich nur jene, die den Materialwechsel einläutete.

Bücher für Jedermann

Mit dem Einsatz der Holzfaser für die Papierproduktion hatte Friedrich Gottlob Keller also einen entscheidenden Durchbruch für die Bildung aller Volksschichten erlangt. Zwei Jahre nach seiner Entdeckung des Papiers aus diesem Material kaufte er eine Papiermühle in Kühnhaide bei Marienberg im Erzgebirge. So konnte er sein Patent auch in die Praxis umsetzen. Aber so clever er technisch war, so wenig kannte er sich in wirtschaftlichen Dingen aus. Außerdem war seine finanzielle Ausgangssituation nicht ideal und Pech mit dem Wetter machte ihm endgültig einen Strich durch seine Rechnung: Ohne eigenes Kapital schaffte er es nicht in die schwarzen Zahlen und ein Hochwasser zerstörte seine Mühle teilweise. Also überließ er 1846 sein Patent zur Papierherstellung dem Fabrikanten Heinrich Voelter aus Heidenheim. Der entwickelte Kellers Verfahren mit Johann Matthäus Voith weiter und sie bauten Maschinen, die die Papierherstellung nochmals vereinfachten und verbesserten.

Der Kanadier Charles Fenerty erdachte einen ähnlichen Prozess zur Herstellung von Papier wie Keller, war aber um einige Jahre langsamer. Während er seine Proben bei den Verlagen vorstellte, betrieb Keller schon seine Papiermühle.

 

Erfinder ohne wirtschaftlichen Erfolg, aber glücklich

Friedrich Gottlieb Keller wurde am Juni 1816 in Hainichen geboren, siedelte aber später nach Krippen um, wo sein damaliges Wohnhaus heute ein Museum zu Ehren des Erfinders ist. Zum Glück konnte er trotz wirtschaftlichen Misserfolgs den Ruhm seiner Entdeckung noch genießen. Da er seine Schulden nie abbauen konnte, wurde 1892 die Öffentlichkeit durch einem Aufruf auf seine finanziellen Nöte aufmerksam. Mit einer analogen Vorgängervariante von „go fund me“ wurde Geld gesammelt und so die Zahlung einer monatlichen Rente für Keller ermöglicht. Das war gesellschaftlicher Zusammenhalt Made in Germany. Der Aufruf hatte zudem den positiven Nebeneffekt, dass seine erfinderischen Verdienste stärker in das öffentliche Blickfeld gerückt wurden. So wurde er noch im Rentenalter geehrt und ausgezeichnet.  Neben seinem ehemaligen Wohnhaus erinnert heute auch die Schauanlage Technisches Denkmal Neumannmühle im Kirnitzschtal bei Bad Schandau an Keller als Erfinder des Holzschliffs. Und was ihn sicher gefreut hätte, ist die Friedrich-Gottlob-Keller-Medaille, die heute noch für hervorragende wissenschaftliche, technische oder industrielle Leistungen auf dem Gebiet der Papiertechnik vom Akademischen Papieringenieurverein an der Technischen Universität Dresden verliehen wird.

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