Der Kaffeefilter

Eine genussvolle Erfindung

Mit Löschpapier zum Großkonzern

Es braucht nicht immer zwei Hände voll Physikgenies und einen Kredit für die Gründung eines Firmenimperiums. Manchmal reichen 72 Reichspfennige und eine intelligente Hausfrau. Amalie Auguste Melitta Bentz, geborene Liebscher, erfand den Kaffeefilter und legte so den Grundstein zu einem Konzern.

Melitta Bentz saß genervt in ihrer Wohnung in Dresden. Um den Tag ordentlich zu überstehen, trank man auch schon vor über 100 Jahren Kaffee. Aber Melitta mochte den Brührückstand am Boden der Tasse nicht – wie die meisten Menschen. Bitter und krümelig schmeckte er. Zwar gab es bereits Siebe oder die Brühsocke. Aber erstere filterten in grober Ausführung nicht ausreichend oder waren in feiner dauernd verstopft. Und die Socke zum Brühen roch nach einiger Zeit genau wie die gebrauchte Variante für die Füße. Was tun?

Sie schnappte sich einen Messingbecher und schlug mit Hammer und Nagel Löcher in den Boden. Dann legte sie das Löschpapier aus dem Schulheft eines ihrer Kinder hinein, gab das Kaffeepulver darauf, goss heißes Wasser darüber und trank den ersten echten Filterkaffee der Geschichte. Ein Made-in-Germany-Kaffee.

Mut und Unternehmergeist

Nicht nur die Krümel blieben im Papier hängen, sondern auch die Öle der Röstbohnen. Ergebnis: weniger bitter und kein Knirschen mehr zwischen den Zähnen. Die Idee wollte Frau Bentz nicht für sich behalten. Und ihr war klar, was sie grade erfunden hatte. Also eilte sie ins kaiserliche Patentamt zu Berlin, und am 20. Juni 1908 erteilte man ihr den Gebrauchsmusterschutz für einen mit „Filtrierpapier arbeitenden Kaffeefilter mit auf der Unterseite gewölbtem Boden sowie mit schräg gerichteten Durchflusslöchern". Im Dresdner Gewerbeamt meldete sie ein „kaufmännisches Agentur- und Kommissionsgeschäft" an, Kostenpunkt: 72 Reichspfennig. Ansonsten nutzte sie, was sie hatte: In einem winzigen Zimmer ihrer Wohnung stellte die Familie die Filter her, und die Söhne lieferten mit dem Bollerwagen aus. Ehemann Hugo kündigte seinen Job und führte die Erfindung in Schaufenstern vor. Melitta nutzte die Mundpropaganda und lud Freundinnen zum Nachmittagskuchen mit gefiltertem Kaffee. Die Begeisterung für das Getränk ohne bitteren Satz war nicht zu bremsen.

Nach dem Krieg startete Melitta durch mit dem Kauf einer alten Schokoladenfabrik in Minden und 55 Mitarbeitern und steigerte sich bald auf 1.000 Mitarbeiter. Auch heute ist der Betrieb mit dem Namen der cleveren Frau noch in Familienhand, stellt aber längst nicht mehr nur Filtertüten her. Und das Erstpatent wurde in jeder Generation weiter verbessert und leicht geändert. Melitta ist inzwischen ein Imperium mit einem jährlichen Umsatz von 1.452 Milliarden Euro.

Das simple Löschpapier hat außerdem Geschichte geschrieben: Seit 1963 ist der Name Filtertüte ein geschütztes Warenzeichen und hat es in den Duden geschafft: „Filtertüte, die: aus Filterpapier bestehender tütenförmiger Einsatz“ – ein geschütztes Warenzeichen.

Filterpapier in Zahlen

Heute stellt Melitta in Deutschland 50 Millionen Kaffeefilter täglich her und setzt damit jährlich 18,5 Milliarden Euro um. Zwar wird die Erfindung auf dem gesamten Globus kopiert, aber der markante Schriftzug der Firma wird immer noch unweigerlich mit Filtertüte und Kaffee in Verbindung gebracht. Außerdem produziert Melitta inzwischen zahlreiche weitere erfolgreiche Produkte. Weltweit hat der Konzern bisher über 750 Patente angemeldet und passt sich stetig dem Wandel der Zeit an.

Bedrohung durch Kapseln

Deutschlands Lieblingskind Filterkaffee hat dieser Tage allerdings Konkurrenz bekommen. Kapseln wie von Nespresso mit frischen Miniportionen und Kaffee auf Knopfdruck, verdrängen die einstige Dresdner Erfindung und machen sich auf dem Weltmarkt breit. Melittas erste Idee: Selbst eine Kapselmaschine bauen. Nach völligem Misserfolg und der Erkenntnis auf Verbraucherseite, dass Einzelportionen umwelttechnisch gesehen einem unbeschwerten Kaffeegenuss nicht zuträglich sind, erinnert sich auch Melitta an den Vorteil der Ursprungserfindung: Sie ist weit umweltfreundlicher. Die Kapseln verursachen allein in Deutschland jährlich 4.000 Tonnen Müll. Klassisch und aus Bambus startete deshalb der Melittafilter ein Comeback und erinnert daran, was er eigentlich ist: Eine simple und geniale Made-in-Germany-Erfindung.

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