Mehr Sozialismus wagen

Dass Kevin Kühnert mit seinen jüngsten Äußerungen bei einem Interview mit der Zeit einen wunden Punkt getroffen hat, konnte man an nichts besser ablesen als am unmittelbar darauf einsetzenden Geheul der sogenannten Medienelite. 

Neben allerlei billigen Polemiken aufgrund seines Vornamens schoss den Vogel wieder einmal die Zeitung mit den großen Buchstaben und den dazu im umgekehrt proportionalen Verhältnis stehenden Gedankenergüssen ab. So zitierte das Boulevardblatt einige Betriebsratsgrößen der von Kühnert in seinem Gespräch mit der Zeit erwähnten Autokonzerne, deren Credo einmütig war: Eine solche SPD könne man angesichts der Enteignungsfantasien von Kühnert nun auf gar keinen Fall mehr wählen. Dabei mutet es bizarr an, dass die SPD nun gerade deshalb nicht mehr wählbar sein soll, weil einer ihrer Nachwuchsrepräsentanten die Sozialisierung von Eigentum fordert. Denn dafür waren die Genossen ja ursprünglich angetreten.

Vor allem aber zeigt sich, auf welch argumentativ dünnem Eis die Apologeten des „Weiter so“ sitzen, dass sie derart schwere Geschütze auffahren. Es macht sich Nervosität breit angesichts der Tatsache, dass die Heilsversprechen des freien, so wenig wie möglich regulierten Marktes immer weniger eintreffen, sei es im Bereich Wohnen, wo mit der Privatisierung auch ein immer drastischer zutage tretender Mangel an Wohnungen auftritt, sei es im Bereich des Automobilbaus, wo Branchenprimus Volkswagen nicht nur das Vertrauen seiner Kunden verspielt, sondern möglicherweise auch noch die Zukunft des Autos verschlafen hat. 

Die Grenzen des Kapitalismus

Hier offenbart sich die eklatante Unfähigkeit des ausschließlich auf kurzfristigen Profit getrimmten Wirtschaftssystems, notwendige Veränderungen konstruktiv zu begleiten und dem Fortschritt zu seinem Durchbruch zu verhelfen. Lieber setzen die Konzernlenker weiterhin auf den Status Quo, eindeutig mehr um die nächsten Quartalszahlen als die Überlebensfähigkeit der nachfolgenden Generationen bemüht. Befeuert wird diese intellektuelle Kurzsichtigkeit durch ein obszönes System von millionenschweren Boni. Dass es die Mitarbeiter sind, die die gescheiterten Projekte ausbaden müssen, zeigt sich gerade am Beispiel Bayer. Sie müssen die monströsen Verluste einer eklatanten Fehlentscheidung des Managements sühnen.

Mit dem dahinterstehenden Prinzip, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren, richten die großen Konzerne wirtschaftliche, ökologische und soziale Schäden an. Die Finanzkrise mit ihrer nachfolgenden Alimentation gescheiterter Möchtegern-Investmentbanker führte die Auswüchse einer solchen Versorgungsmentalität eindrücklich vor Augen. Eine Vermögenskonzentration, bei der laut einer Oxfam-Studie 62 Personen genauso viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, nämlich 3,6 Milliarden Menschen, hat Ausmaße erreicht, die mit Rationalität nichts mehr zu tun haben. Die durch diese Vermögenskonzentration entstehende Machthäufung gefährdet heute nicht nur die Umwelt, sondern auch die demokratische Verfasstheit ganzer Gesellschaften. Spätrömische Dekadenz? Ja, in der Tat, doch muss man sich wohl einmal ernsthaft fragen, auf welcher Seite sich diese breit gemacht hat.

Neue Ansätze tun Not

Leidtragende dieser Entwicklung sind neben der Gesellschaft als solche auch kleinere und mittlere Unternehmen, denn für sie gilt im unfairen Wettbewerb mit den Großen: Wachse oder weiche. Das vielbeschworene Rückgrat der deutschen Wirtschaft, der Mittelstand, verfolgt im Gegensatz zu den unter der Kontrolle von Investmentfonds stehenden transnationalen Konzernen eine vergleichsweise gediegene und sozial nachhaltige Unternehmenspolitik. Wir sollten wieder zu diesen Grundsätzen – der Einhaltung von gerechten Spielregeln für alle innerhalb einer sozialen Marktwirtschaft – zurückkehren. Dazu gehört neben einer gerechten Steuerpolitik auch die Möglichkeit, Privateigentum in Gemeinbesitz zu überführen, wenn damit Schaden vom Volke abgewendet werden kann. Hierzu hat Kühnert einen wichtigen Denkansatz geliefert, für den ihm Mittelstand und Bürgertum dankbar sein sollten. Denn insbesondere die Mitte würde von einer höheren Belastung der Konzerngewinne deutlich profitieren und selbst weniger Steuern zahlen. Anstatt also reflexartig nach Kühnert zu schnappen und damit die unselige Tradition des nach oben Buckelns und nach unten Tretens fortzusetzen, sind Mittelstand und Bürgertum daher dazu aufgerufen, die Denkansätze Kühnerts zumindest einmal ansatzweise mit ihren bisherigen Dogmen abzugleichen und einem Realitäts-Check zu unterziehen – es soll ihr Schaden nicht sein.



Bild von Jan Vašek auf Pixabay

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