Verzweifelt gesucht: Fachkräfte in Deutschland

Für immer mehr Firmen in Deutschland wird es zunehmend schwerer, Stellen für qualifizierte Mitarbeiter zu besetzen. Das ergab eine kürzliche Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) unter 24.000 heimischen Unternehmen. Ganze 60 Prozent der befragten Firmen sehen den Fachkräftemangel mittlerweile als aktuell größtes Geschäftsrisiko.

Zwar warnen Medien und Politik vor der Gefahr des Fachkräftemangels schon seit geraumer Zeit, erschreckend ist jedoch das Tempo, in dem sich dieses Problem vergrößert. Im Jahr 2010 bewerteten laut Spiegel 11/2018 lediglich 16 Prozent der Umfrageteilnehmer diesen als größtes Risiko für ihr Geschäft. Aktuell sollen circa 440.000 dringend benötigte Fachkräfte hierzulande fehlen, was das deutsche Wirtschaftswachstum um bis zu 0,9 Prozent bremsen soll. Dies entspricht etwa 30 Milliarden Euro. Und es gibt auch keine Anzeichen dafür, dass sich das Problem in den nächsten Jahren entspannen wird. Im Gegenteil: Das schweizerische Forschungsinstitut Prognos geht sogar von bis zu drei Millionen fehlenden Fachkräften im Jahr 2030, also in gerade einmal zwölf Jahren, aus. Diese Zahlen sind ohne Zweifel alarmierend. 

Besonders kleine und mittelständische Unternehmen beeinträchtigt der Schwund. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) spricht auf seiner Webseite zwar davon, dass es zurzeit noch keinen flächendeckenden Fachkräftemangel in Deutschland gebe, räumt aber ein, dass im Gesundheits- und MINT-Bereich (MINT: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik)allgemein sowie in Süddeutschland und in den Bundesländern der ehemaligen DDR viele Unternehmen akut betroffen seien.

Allerdings treten viele Facetten desselben Problems auf und alle unter dem Label „Fachkräftemangel“. Schauen wir uns verschiedene Arten des Schwunds an: Da gibt es den branchenspezifischen Fachkräftemangel, beispielsweise im IT-Bereich. Doch auch Handwerkerberufe wie Heizungsbauer klagen über fehlenden Nachwuchs. Ein saisonaler Fachkräftemangel liegt vor, wenn Arbeitskräfte nur zu einem bestimmten Zeitraum gebraucht werden, wie zum Beispiel in der Landwirtschaft, zu dem sie als Erdbeerpflücker oder Spargelstecher arbeiten. Struktureller Fachkräftemangel liegt wiederum in Heil- und Pflegeberufen vor. Hier herrschen in vielen Fällen derart unattraktive Arbeitsbedingungen – angefangen über die Bezahlung bis hin zu Arbeitszeiten und Arbeitsverdichtung – dass schlicht nicht genügend Menschen diese Aufgabe übernehmen wollen. Ein soziologisch bedingter Fachkräftemangel schließlich entsteht aufgrund von Geschlechterbildern innerhalb einer Gesellschaft. Hierfür wären der geringe Anteil an weiblichen Auszubildenden im Handwerk oder der verschwindend geringe Anteil männlicher Erzieher und Grundschullehrer treffende Beispiele.

Was ist passiert im Land der Dichter und Denker?

Als Hauptgrund wird die alternde Gesellschaft benannt. Die Generation der Babyboomer (Jahrgang 1955 bis 1969) geht teils bald in Rente, was die Zahl der Bürger im erwerbsfähigen Alter (20 bis 65 Jahre) drastisch schrumpfen lässt. Während 1964 noch 1.357.304 Lebendgeborene hierzulande zu verzeichnen waren, ist diese Zahl mittlerweile (2017) laut Statistischem Bundesamt auf 785.000 abgesunken. Das BMWi geht in seinen Vorausberechnungen für 2030 von 3,9 Millionen weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter als jetzt aus, für 2060 ist sogar von 10,2 Millionen die Rede. Fest steht also, dass wir ein gewaltiges demografisches Problem haben. Doch warum werden in Deutschland immer weniger Kinder geboren?

Kindererziehung in Deutschland

Wenn sich die Experten in einem einig sind, dann ist es, dass sie sich nicht einig sind. Als Ursache für die sinkenden Geburtenzahlen führen sie die unterschiedlichsten Gründe an. Einen ersten starken Einbruch gab es bereits ab 1965. Dieser gilt als Pillenknick, da er sich angeblich durch die Verbreitung der Antibabypille ergab - was heute jedoch teilweise angezweifelt wird. Andere Quellen sehen vor allem den gesellschaftlichen Wandel als Hauptursache für die sinkenden Geburtenzahlen. Da kein gesellschaftlicher Druck mehr besteht, heiraten Paare immer später. Frauen können mittlerweile Karriere machen und verharren nicht mehr in der Rolle der Hausfrau und Mutter. 

Immer mehr Menschen bleiben Single und kinderlos. Die Gründe für diese Entwicklung wiederum sehen viele auch in der geänderten Arbeitswelt. Verließ man sich früher noch auf eine gewisse Jobsicherheit, und konnte der Mann als Alleinverdiener der Familie fungieren, während sich die Frau um die Kinder kümmerte, so müssen heute meist beide Ehepartner arbeiten . Aufgrund eines Mangels an Krippen- und Kindergartenplätzen verschieben viele Menschen den Kinderwunsch notgedrungen.

Wer täglich um seinen Job bangen muss, wird sich zudem intensiver überlegen, ob er einen Sprössling oder mehrere Kinder in die Welt setzt. Aber selbst wenn Nachwuchs kommt, stoppt dies nicht automatisch den Fachkräftemangel. Schließlich müssen die Kids auch eine gute Bildung genießen. um später eine Chance auf einen hochqualifizierten Job zu haben. Für diese Bildungsziele braucht es jedoch wiederum ein großes Reservoir an gut ausgebildeten und motivierten Lehrkräften. Doch das glatte Gegenteil ist in Deutschland seit Jahren der Fall: Es herrscht Lehrermangel, gerade in den MINT-Fächern. Wenn der Unterricht in diesen für die Wirtschaft wichtigen Disziplinen zu kurz kommt, sei es durch Unterrichtsausfall oder einen schlechten Betreuungsschlüssel, werden weniger Kinder später einen Beruf in diesem Bereich ergreifen können und wollen.

Flüchtlingspolitik und Integration - löst Zuwanderung unser Problem?

Aufgrund der sinkenden Geburtenzahlen und des damit verbundenen Fachkräftemangels sehen mittlerweile viele Akteure in Politik und Wirtschaft Migration als große Chance für Deutschland. Einerseits wollen sie qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland anwerben, andererseits sollen die vielen im Zuge der Flüchtlingskrise zu uns gekommenen Menschen zu Fachkräften ausgebildet werden. Doch die Integration fällt schwerer als erhofft. Während man vor wenigen Jahren noch annahm, dass viele der Geflüchteten hochqualifiziert seien und nur die deutsche Sprache erlernen müssten, um ins Berufsleben zu starten, macht sich mittlerweile Ernüchterung breit. 

So stellte beispielsweise Hans-Werner Sinn, Chef des ifo-Instituts und Deutschlands bekanntester Ökonom, fest, dass die Flüchtlinge „keine Fachkräfte, sondern weit überwiegend Hilfskräfte“ seien. Man könne die Bildung in Ländern wie Syrien nicht mit der in Deutschland vergleichen, und knapp die Hälfte verfüge nicht einmal über das Pisa-1-Niveau. Sie sind somit nicht geeignet, den Fachkräftemangel zu stoppen. Doch selbst hochqualifizierte Zuwanderer müssen erst einmal Deutschkurse belegen, und eine weitere Hürde ist, dass ihre Abschlüsse  anerkannt werden müssen und sie zunächst eine Arbeitserlaubnis brauchen, um in Deutschland in ihrem Beruf arbeiten zu dürfen.

Gefahren für den Wirtschaftsstandort Deutschland

Made in Germany, ein Label, das Großbritannien deutschen Produzenten ursprünglich Ende des 19. Jahrhunderts auferlegte, um vor den angeblich schlechten Importgütern aus Deutschland zu warnen, tragen die hiesigen Unternehmen bereits seit langer Zeit mit Stolz. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs erlangte es durch Deutschlands Exporterfolge in aller Welt den Status eines Gütesiegels. 

Doch ist die Erfolgsgeschichte von Made in Germany durch den Fachkräftemangel nun ernsthaft in Gefahr? Zumindest sieht es so aus. Neben dem Gesundheitsbereich (vor allem in der Alten- und Krankenpflege) fehlt es zusätzlich auch in den Berufssparten an Nachwuchs, die wichtig für die Entwicklung von Innovationen und technischen Exportgütern sind. Dies betrifft neben dem MINT-Bereich auch das Ingenieurwesen in Maschinen- und Fahrzeugbau, IT und Softwareentwicklung und Elektrotechnik. Auch das deutsche Handwerk klagt über seine Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu finden. Besonders betroffen sind laut BMWi die Bereiche Kunststoffverarbeitung, Elektroinstallation und -montage, Rohrinstallation, Werkzeugmechanik, Zerspanungstechnik, Rohrnetzbau und Rohrschlosserei, Maschinenbau sowie Schweißtechnik.

Wie kommen wir zu mehr Fachkräften?

So vielfältig die Gründe für den Bevölkerungsschwund und den Fachkräftemangel an allen Ecken und Enden auch sein mögen, so steht auch fest, dass keiner der Faktoren isoliert als Ursache des Problems zu betrachten ist. Augenfällig gibt es in allen Bereichen viel zu tun. Verbindliche rechtliche Rahmenbedingungen sind aufzustellen. Zum einen ist die Politik gefordert, das Kinderkriegen durch verschiedene Maßnahmen wieder attraktiver zu machen, beispielsweise durch mehr Kita-Plätze und Bereitstellung von finanziellen Anreizen, wie Kindergelderhöhung oder Zahlung von Betreuungsgeld. Auch die Arbeitsplatzsicherheit zu erhöhen sowie massiv in Schule und Bildung zu investieren, wären gute Ansätze.

Zum anderen müssen Unternehmen sich bemühen. Wege sind hier, mehr Lehrlinge im eigenen Betrieb mit Aussicht auf Übernahme auszubilden, Löhne anzuheben oder allgemein mehr zur Steigerung der eigenen Attraktivität für junge Menschen zu tun. Ein betriebsübergreifendes Beispiel ist die Arbeitgeberinitiative „MINT Zukunft schaffen“, gegründet bereits 2008, um den Ausbau der Bildung in den sogenannten MINT-Fächern zu forcieren. Auch die Bundesländer und einzelne Städte sind dabei aktiv. 

Doch Initiativen und bunt bedruckte Broschüren allein werden keine Trendwende herbeiführen. Die Firmen sind aufgerufen zu verstehen, dass sich die Rollen in Zeiten des Fachkräftemangels gewandelt haben: Sie müssen sich mittlerweile um qualifizierte Arbeitskräfte bemühen, anstatt zu erwarten, dass diese bei ihnen Schlange stehen. Gleichwohl sind nicht nur Politik und Wirtschaft gefordert, die Krise im Fachkräftebereich anzugehen, denn letztlich sollte sich jeder Bürger fragen, wie er bei der Lösung des Problems mitwirken kann.


Bild von skeeze auf Pixabay

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