Alles nur Kosmetik?

Wie die Industrie unsere Gesundheit gefährdet

Der Markt für sogenannte Naturkosmetik boomt seit Jahren weltweit. Und auch in Deutschland erfreuen sich sogenannte Naturpflegeprodukte beziehungsweise naturnahe Kosmetik immer größer werdender Beliebtheit bei den Verbrauchern. Doch Vorsicht: In vielen Fällen ist nicht drin, was draufsteht. Eine Vielzahl von Herstellern suggeriert den arglosen Konsumenten lediglich Naturnähe, dabei verbergen sich hinter grüner Verpackung und hehren Worten oft gesundheits- und umweltschädliche Inhaltsstoffe. Wir haben uns die Situation am Markt etwas genauer angeschaut und haben dabei festgestellt, dass hier einiges im Argen liegt. Industrie und auch der Gesetzgeber sind gefragt, um die Käufer vor mehr oder weniger gut kaschiertem Betrug mit vermeintlich „ökologischen“ oder „naturnahen“ Kosmetika und anderen Pflegeprodukten zu schützen.

Was müssen das noch für unbedenkliche Zeiten gewesen sein, als die ägyptische Pharaonin Kleopatra, die um die Zeitenwende als letzter weiblicher Pharao über das Ptolemäerreich herrschte: Ein Bad in reiner Eselsmilch, versetzt mit anregenden Essenzen und Duftstoffen aus Blüten, genügte der Herrscherin, um ihre samtweiche Haut zu erhalten und ihre Schönheit auf Dauer zu konservieren. Auch bei den alten Ägyptern waren daneben bereits Augenkosmetik und Desinfektion bekannt. Viel näher als damals konnte man der Natur bei der eigenen Körperpflege wohl nicht mehr sein, und auch in den kommenden Jahrhunderten waren sowohl Utensilien als auch Kosmetika einer kleinen, exklusiven Schicht vorbehalten, die sich umso mehr mit ihnen umgab. Einen ersten Höhepunkt fand der Gebrauch von Duft- und Mundwässern wohl in der Zeit des französischen Absolutismus, als Wasser als unrein galt und entsprechend auf ein tägliches Bad bzw. eine Duschbrause keinerlei Wert gelegt wurde. Im Gegenteil, die Pflege des eigenen Körpers mit Wasser galt als unfein, und so lebten die feinen Damen und Herren – aber nicht nur sie – im sich immer weiter verdickenden Mantel ihrer körpereigenen Ausdünstungen. Dem wurde versucht, mit allerlei Parfüms, Duftwässern, Pudern und Cremes abzuhelfen, soweit es eben ging.

Die Anfänge der Kosmetikindustrie

Auch hier kann man noch davon ausgehen, dass die meisten dieser Produkte gesundheitlich unbedenklich waren, wenngleich manche Inhaltsstoffe wie zinkhaltige Cremes und bleihaltige Schminke durchaus lebensverkürzendes Potenzial besessen haben dürften. Erst der Epoche der Industrialisierung war es schließlich vorbehalten, das Zeitalter der Massenproduktion von Wasch- und Pflegemitteln einzuläuten. Mit der großformatigen Herstellung von Seifen und Parfüms ging eine Art „Demokratisierung“ der Kosmetik einher: Kosmetikfabrikanten wie der Deutsche Ludwig Leichner, der auch ein berühmter Opernsänger seiner Zeit war, entwickelten die erste bleifreie Bühnenschminke, und auch das Aufkommen der Filmindustrie beschleunigte die Innovationsschübe der neu entstehenden Kosmetikbranche: Der polnisch-amerikanische Unternehmer Maksymilian Faktorowicz alias Max Factor, brachte ein Make-up auf den Markt, das in erster Linie den schweißtreibenden Arbeiten beim Film standhielt, bevor es in den Alltag US-amerikanischer und später auch europäischer Frauen einzog. Schließlich bemächtigten sich die großen Unternehmen mehr und mehr diesem stetig wachsenden Segment der Kosmetik- und Pflegeprodukte, sodass sich mit den Jahrzehnten ein eigenständiger und milliardenschwerer Industriezweig aus den bescheidenen Anfängen entwickelte.

Milliarden mit Pflegeprodukten

Dieser Komplex erwirtschaftet heute auf der ganzen Welt stetig steigende Umsätze und ist, gemessen an seinen Profiten, einer der einträglichsten Betätigungsfelder der chemisch-pharmazeutischen Industrie überhaupt. Das liegt nicht nur an der immer leichteren und kostengünstigeren Verfügbarkeit der für die Endprodukte benötigten Rohstoffe, die im Zuge der aufblühenden Chemieindustrie immer mehr von natürlicher Herkunft zu synthetischer Produktion umgestaltet wurden, sondern auch am Image dieser Produkte selbst: Werbeslogans wie „Weil ich es mir wert bin“ suggerieren eindrucksvoll die verführerische Macht dieser Artikel. Hier war es schon immer ein leichtes, sich rationalen Argumenten mit dem Hinweis auf die ewig währenden Sehnsüchte von Frauen und Männern nach makelloser Schönheit beziehungsweise der dauerhaften Konservierung und Steigerung derselben zu entziehen. Und wer wollte ernsthaft bei einem Kosmetikartikel nach dem Preis fragen, der vorgibt, das Versprechen nach der ewigen Jugend endlich einzulösen? So kulminierten die Möglichkeiten der massenindustriellen Herstellung mit den zutiefst menschlichen Wünschen nach physischer Perfektion in einem Markt, der bis vor etwa drei Jahrzehnten ein relativ abgeschotteter war und dessen Produzenten sich wenig um die Belange der Umwelt oder auch der Gesundheit ihrer Kunden kümmern musste. Sicher, es wurde getestet und optimiert, doch an die allergene Wirkung dieser oder jener Inhaltsstoffe sowie die Auswirkungen des übermäßigen Einsatzes von Mikro- und Nanopartikeln dachte in den achtziger Jahren noch kaum jemand. Diese Zeiten sind mittlerweile zum Glück vorbei, so sollte man meinen. Denn heute schwören die Verbraucher zunehmend nicht nur bei ihrer Ernährung auf biologische Herkunft und natürliche Inhaltsstoffe, sondern auch im Hinblick auf die Kosmetika und Pflegeprodukte, die sie benutzen. Sollte das für die Hersteller nicht schon Anlass genug sein, sich hier mit eindeutigen Hinweisen zu Wirk- und Inhaltsstoffen zu positionieren und mit offenen Karten zu spielen, was die tatsächliche Naturnähe ihrer Kosmetikartikel anbelangt?

RTL deckt unsaubere Praktiken auf

Eines schon vorweg: Die diesbezüglichen Hoffnungen wurden und werden immer wieder massiv enttäuscht. Das belegte jüngst auch die Recherche des RTL-Magazins „Extra“ zum Thema Naturkosmetik. Kurzgefasst fanden die Reporter heraus, dass dort, wo „naturnah“, „natürlich“ oder „bio“ draufsteht, noch lange keine Natur drin sein muss. Um sich einen Überblick über gängige Produkte der Branche zu verschaffen, bei denen Verbraucher durch irreführende Werbung verwirrt werden könnten, schickten die Journalisten zwei Konsumentinnen auf Einkaufstour: Sie sollten etwa 20 Produkte einkaufen, von denen sie glaubten, dass diese natürlichen Ursprungs seien, was die Inhaltsstoffe angeht. Schon im Vorfeld dieses Testkaufs fand eine gemeinsame Begehung des Badezimmers statt, wo die Damen eine Vielzahl von Kosmetik- und Pflegeprodukten aufbewahrten. Da ihnen klare Richtlinien für den sicheren Kauf von naturbelassener Ware fehlten, orientierten sie sich an den bereits erwähnten Begriffen oder griffen zu Artikeln bekannter Markenhersteller. Doch oh weh, welch unangenehme Überraschung schon zu Beginn für die beiden gutgläubigen Damen: Auch die von ihnen bisher so hochgeschätzten Markenartikel enthielten nicht nur Polymere, die von den Kläranlagen nur teilweise ausgefiltert werden können, sondern auch Mikroplastik-Partikel, die ebenfalls nicht aus dem Abwasser gefiltert werden können und damit über das Meer und seine Bewohner schließlich wieder bei uns landen, wenn wir vermeintlich unbelasteten Fisch auf unserem Teller vor uns liegen haben.

Das Fraunhofer-Institut warnt

Die Brisanz des Themas verdeutlichte auch die Expertin des Fraunhofer-Instituts, Leandra Hamann: Sie zeigte in ihrem Labor die unterschiedlichen Arten von Polymeren, deren Viskosität von flüssig bis fest changiert. Diese Polymere können jedoch sehr langlebig sein und werden von den Kläranlagen nur unzureichend gefiltert. Sie reichern sich dadurch, ebenso wie das berühmt-berüchtigte Mikroplastik, immer weiter in der Umwelt an. Laut Aussage der Wissenschaftlerin gelangen so mehr als 23.000 Tonnen gelöste Polymere in die Umwelt, und das allein in Deutschland. Was das Mikroplastik angeht, so enthalten die in Deutschland verwendeten Kosmetika und Pflegeprodukte fast 1.000 Tonnen davon. Der weltweite Verschmutzungsgrad durch die hier beschriebenen Stoffe dürfte mindestens um den Faktor 50 höher sein. Alle diese Stoffe gelangen schließlich in Flüsse und Meere, wo sie sich mit anderen Schadstoffen verbinden und sogenannte Cluster bilden. Diese wiederum werden von Fluss- und Meeresbewohnern wie Fischen und Schnecken aufgenommen und gelangen so in die Nahrungskette. Damit werden diese Stoffe nicht nur zu einem ökologischen, sondern auch einem gesundheitlichen Problem für den Menschen.

Verbraucher werden im Unklaren gelassen

Den Befund, dass die Verbraucher durch gesetzlich unklar gehaltene Vorschriften zur Deklaration von Inhalts- und Wirkstoffen über die Konsequenzen des Gebrauchs von vorgeblich „natürlicher“ Kosmetik im Unklaren gelassen werden und nicht das für eine angemessene Beurteilung dieser Stoffe notwendige Wissen besitzen, offenbarte ein zweites Experiment des RTL-Teams: Ziel war es, die laschen Regelungen im Hinblick auf die Herstellerangaben einmal bewusst bis zum Ende auszureizen und den größtmöglichen Gegensatz zwischen der grünen Verpackung und dem äußerst chemischen Inhalt herzustellen. Denn während das Label der Cremedose mit wohllautenden Slogans wie „Bio“, „natürlich“ und „100 Prozent Rosenöl“ sowie zwei Pseudo-Qualitätssiegeln zugekleistert worden war, versteckten sich im Inneren keineswegs nur harmlose Stoffe, wie die überraschten und teils entsetzten Passanten feststellten, als man die „Büchse der Pandora“ schließlich öffnete. Da quollen neben Polymeren, Acrylaten, Polyethylen und Polypropylen auch Perfluorierte Tenside und Teflon hervor. Ach ja, und die Aussage „100 Prozent Rosenöl“ ist dennoch inhaltlich voll gedeckt, wenn in der gesamten Dose ein Tropfen Rosenöl enthalten sein sollte. Neben der anfänglichen Verblüffung machte sich bei den Testpersonen, die das vermeintliche Bioprodukt beurteilen sollten, bald auch ein gehöriges Maß an Verärgerung und Wut über diese vom Gesetzgeber so erlaubten und nicht sanktionierten Machenschaften der Kosmetikindustrie. Von einigen Verbrauchern wurde daher gleich der grundsätzliche Sinn von Naturkosmetik infrage gestellt. Doch das hieße ja, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Denn grundsätzlich ist an naturnaher Kosmetik ja nichts auszusetzen. Die Frage ist nur, wie kann der fachunkundige Verbraucher sie schnell, sicher und zuverlässig erkennen?

Mit CodeCheck die Inhaltsstoffe scannen

Hierfür bietet sich eine Quelle wie CodeCheck an. Mit Hilfe dieser App lassen sich die auf der Verpackung oft nur nebulös angegebenen Inhaltsstoffe klar analysieren und benennen, zudem weist die Anwendung auf potenzielle Gefahren der in den Produkten verwendeten Stoffen hin. „Leider sind Begriffe wie „bio“ oder „naturnah“ nicht geschützt,“ erklärt Inhaltsstoff-Expertin und Chemikerin Dr. Mandy Hecht in dem genannten „RTL Extra“ Beitrag. „Daher können vermeintlich „grüne“ Kosmetikprodukte auch Stoffe wie kritische Konservierungsmittel, Mikroplastik oder schwer abbaubare synthetische Polymere enthalten“, begründet sie die Notwendigkeit einer gründlichen Überprüfung der jeweiligen Inhaltsstoffe durch den Verbraucher. Die von CodeCheck entwickelte App hilft den Konsumenten dabei, schon vor dem Kauf Klarheit darüber zu erhalten, was in den Pflege- und Kosmetikprodukten tatsächlich enthalten ist. Dafür genügt ein einfacher Scan des Barcodes des betroffenen Produktes. Sofort bekommt der Nutzer dann angezeigt, ob sich Parabene, Silikone, Palmöl oder auch Mikroplastik in seiner Kosmetik befinden. Das schafft Sicherheit und Vertrauen und trägt zum Schutz der Umwelt bei. Nur mit solchen Maßnahmen kann es gelingen, den Eintrag von Makro- und Mikroplastik in unsere Umwelt um den Faktor 27 zu reduzieren, wie es die Forscher des Fraunhofer-Instituts in einer aktuellen Studie zum Thema „Kunststoffe in der Umwelt“ vorschlagen.

Gesetzliche Regelungen tun Not

Doch warum setzt man hier in Deutschland nur auf Freiwilligkeit bei diesem Thema? Wäre es nicht angemessen, dass den Herstellern mehr Druck seitens des Gesetzgebers gemacht wird? Schließlich stehen neben der Umwelt auch die Gesundheit von Millionen von Verbrauchern auf dem Spiel. Es bedarf daher verschiedener Maßnahmen, um diesem mehr und mehr ausufernden Problem gerecht zu werden. Zunächst sollten die verantwortlichen Behörden sicherstellen, dass die Inhaltsstoffe eindeutig und klar gekennzeichnet werden. Für den Verbraucher muss mit einem Blick erkennbar sein, um welche Stoffe es sich handelt, schon um Allergien zu minimieren und seinen Zeitaufwand bei der Bestimmung der Inhaltsstoffe zu minimieren. Zweitens ist es unabdingbar, dass die heutzutage erlaubten Stoffe einmal kritisch unter die Lupe genommen werden. Es kann nicht angehen, dass in hehren Sonntagsreden von einer allgemeinen Verantwortung aller Beteiligten schwadroniert wird, diese in der Praxis aber auf den Schultern von Konsumenten und der Umwelt abgeladen wird. Drittens sind intensive Forschungsanstrengungen nötig, um schnell und kostengünstig Alternativen für umweltschädliche Inhaltsstoffe zu entwickeln. Nur so kann der weiteren, bisher unsichtbaren, aber dennoch schädlich wirksamen Vermüllung unserer Gewässer sowie der Weltmeere Einhalt geboten werden. Dies zu realisieren ist eine der dringendsten Aufgaben der Politik.

Gewinn- versus Umweltinteressen

Aber wie so oft stehen die Verantwortlichen im Fadenkreuz zwischen den berechtigten Ansprüchen ihrer Wähler und den Gewinninteressen der beteiligten Unternehmen. Dass sich hierbei erhebliche Reibungspunkte ergeben, ist kaum verwunderlich. Schließlich beträgt allein in Deutschland der Gesamtumsatz mit Kosmetika und Körperpflegeprodukten fast 17 Milliarden Euro. Weltweit liegt der Absatz allein bei Hautpflegeartikeln bei sagenhaften 120 Milliarden Euro. Big Player wie Procter & Gamble, einer der global führenden Anbieter von Wasch-, Reinigungs- und Kosmetikartikeln, vereinen allein bereits ein Umsatzvolumen von gut 60 Milliarden Euro auf sich. Berücksichtigt man neben diesen Zahlen die hervorragenden Renditen der Hersteller, wird deren mangelndes Interesse an Aufklärung und Innovation offensichtlich. Doch langsam kommt Bewegung in den Markt: Allein hierzulande kaufen Verbraucher mittlerweile Naturkosmetik im Wert von gut 1,2 Milliarden Euro ein, Tendenz steigend. Noch etwa einmal so viel setzten Anbieter in Deutschland mit der hier kritisierten naturnahen Kosmetik um. Diese bewegt sich, wie festgestellt, jedoch in einer gewissen Grauzone. Doch letztlich kann es nur im Interesse der beteiligten Akteure selbst sein, hier mit innovativen Ideen und gutem Beispiel voranzugehen, um nicht die gesamte Branche der Naturkosmetik in Verruf zu bringen. Sollte dies nicht gelingen, ist die Legislative gefragt. Was Deutschland nicht leisten kann oder will, muss dann möglicherweise der Verbraucherschutz auf EU-Ebene regeln. Hier gab es in jüngster Zeit bereits einige hoffnungsfroh stimmende Neuregelungen in anderen Bereichen. Erst wenn der mündige Verbraucher wieder bedenkenlos zu Kosmetik- und Pflegeprodukten greifen kann, ist sowohl seiner Gesundheit als auch der Umwelt insgesamt nachhaltig gedient.

Foto: Ekaterina Jurkova/Shutterstock.com

Fakten

  • 23.000 Tonnen
    Polymere in der Umwelt aus Deutschland
  • 1.000 Tonnen
    Mikroplastik in deutschen Kosmetika
  • 120 Milliarden Euro
    Umsatz bei Hautpflegeartikeln weltweit
Suchvorschläge
    Kategorien
      Anbieter

        Alle Ergebnisse zu anzeigen

        Bestätigen

        Bitte bestätigen Sie Ihre Aktion, indem sie auf einen der untenstehenden Buttons klicken

        Zugriff verweigert

        Sie haben keinen Zugriff auf diesen Bereich. Mögliche Gründe könnten sein:

        • Sie haben Ihr Benutzerkonto noch nicht aktiviert.
        • Ihre Sitzung ist abgelaufen und Sie müssen Ihren Browser neu laden.
        • Sie haben keine Berechtigung auf diesen Bereich.

        Sollen Sie weitere Fragen haben, wenden Sie sich bitte an unseren Kundensupport.

        Seite neu laden

        Sitzung abgelaufen

        Ihre Sitzung ist abgelaufen. Das kann vorkommen, wenn Sie die Seite schon für längere Zeit geöffnet haben.

        Einloggen