Der Einfluss von Influencern

Für Kinder und Jugendliche ist „Influencer“ immer öfter das Berufsbild der ersten Wahl. Bei der konkreten Ausgestaltung von Inhalten sind den „Beeinflussern“ scheinbar keine Grenzen gesetzt. Das Themenspektrum von Influencern ist breit gefächert, dennoch widmen sich Mädchen mit großer Wahrscheinlichkeit eher dem Bereich Mode, während Jungen durch extreme Verhaltensweisen provozieren.

Frauen und Männer im Netz

Die MaLisa-Stiftung unterstützte verschiedene Studien, die ein aktuelles Bild der digitalen Medienlandschaft skizzieren. Auf YouTube-Kanälen, in Musikvideos sowie unter Instagrammerinnen und Instagrammern untersuchten die Forscher unter anderem das repräsentative Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Demnach sind weibliche Protagonistinnen im Verhältnis 1:2 weniger vertreten als ihre männlichen Kollegen. Eine frühere MaLisa-Studie brachte dieses eindeutige Ergebnis bereits in der TV- und Kinowelt hervor. Die Eintrittsbarrieren im Internet sind jedoch um ein Vielfaches niedriger, was die Frage nach Ursachen aufwirft.

Die erfolgreichsten YouTube-Kanäle Deutschlands fallen durch veraltete Stereotype auf. Frauen zeigen sich zu 71 Prozent im häuslichen Privatbereich, geben Schminktipps, kochen oder präsentieren ein anderes Hobby. Männer nutzen den öffentlichen Raum als Kulisse und reizen die gesamte Bandbreite von Interessensgebieten aus. Sie besetzen unterschiedlichste Themen wie Comedy, Musik oder Politik und bedienen innerhalb eines Bereichs mehr Genres. Die Mehrheit von 61 Prozent sieht die eigene Tätigkeit als professionelles Können an, dementgegen stellen 64 Prozent der Frauen ihr Handeln als Freizeitbeschäftigung dar. 

In den beliebtesten Musikvideos der Jugendlichen zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Die Inszenierung von Frauen ist überwiegend passiv-erotisch. Zudem kommen Sängerinnen in den Top 100 seit Jahren nicht über einen Anteil von etwa einem Drittel hinaus. Das Missverhältnis wird von den jugendlichen Konsumenten kaum wahrgenommen, achtzig Prozent gehen laut Umfragen von einer gerechten Verteilung aus.

Online spiegelt Offline

Auf Instagram sind die weiblichen Erfolgschancen mit der Erfüllung bestimmter Schönheitsideale besonders groß. In einem eng begrenzten Rahmen beschäftigen sich die Instagrammerinnen hauptsächlich mit Mode, Ernährung und Beauty. Der stereotypen Auswahl liegen aber nicht nur private Interessen zugrunde. Denn sobald sich Nutzerinnen mit ihrer Selbstdarstellung abseits der klassischen Rollenverteilung bewegen, müssen sie mit massiven Anfeindungen rechnen. Demnach befinden sich die Erwartungen der Zuschauer in einem ebenso begrenzten Rahmen wie das bestehende Angebot. 

Die verfassungsrechtliche Gleichstellung von Mann und Frau räumt beiden Geschlechtern dieselben Rechte und Pflichten ein. Trotz der bekannten Theorie wird Kindern oft schon in jungen Jahren die hier beschriebene, rollenbasierte Bürde auferlegt. Tobt Mia laut herum, wird sie zur Ruhe ermahnt und an den Tisch zum Malen gesetzt. Zeigt Leon das gleiche Verhalten, ist die Ermahnung nachsichtiger und enthält den Hinweis, überschüssige Energie draußen beim Fußballspiel abzubauen. Die T-Shirts der Mädchen sind bedruckt mit „Princess“ oder „sweet“, während bei Jungen „cool“ oder „Be a Pirate“ zu lesen ist. Durch die geschlechterspezifische Akzeptanz beziehungsweise Intoleranz gegenüber bestimmten Verhaltensweisen verinnerlichen Mädchen und Jungen die jeweiligen Rollenerwartungen und sehen sie als normal an. In einer freien Entwicklung ist es den Kindern hingegen erlaubt, selbstbestimmt die eigenen Potenziale zu entfalten. Allerdings sind die alten Klischees tief in der Gesellschaft verankert. Die Einflussnahme geschieht oft unbewusst, was eine Veränderung der hierbei zum Tragen kommenden Mechanismen erschwert.

Influencer nehmen gezielten Einfluss

Die Gefahr, die in diesem Zusammenhang von Influencern ausgeht, entsteht in dem zugehörigen Mikrokosmos der Community. Influencer geben ihren Followern das Gefühl, alles aus ihrem Leben zu teilen. Die kurzen Einblicke geben aber nur einen kleinen, sorgfältig ausgewählten und bearbeiteten Teil davon wieder. Dabei sind kommerzielle Überlegungen maßgeblich beteiligt. Auf dieser Basis wird dem Follower eine scheinbare Normalität suggeriert, die sich einige der Zuschauer dann als Maßstab setzen. Den unrealistisch hohen Ansprüchen können sie jedoch letztendlich nicht gerecht werden und sehen den Grund dafür schnell in eigenen Unzulänglichkeiten. Vor diesem Hintergrund fallen wiederum weibliche Follower auf, die Selbstporträts deutlich stärker bearbeiten als Frauen, die keinen Influencern folgen.    

In der Community tauschen sich die Gleichgesinnten untereinander aus und bestärken sich gegenseitig in ihren Annahmen. Auf Dauer kann die einseitige Darstellung von idealisierten Zielen das Denkschema verändern und zu einer verzerrten Wahrnehmung der Realität führen. Bei Kindern zwischen elf und 15 Jahren identifizierte die Studie „Influencer 3.0“ ein besonders hohes Risiko. Sie gaben mehrheitlich als zentrale Motivation die Suche nach Idealen an. In dieser Gruppe kann daher eine Gefahrenschwelle unbewusst überschritten werden und im schlimmsten Fall zu Realitätsverlust führen.

Durch die gezielte Einflussnahme könnte eine ganze Generation von traditionellen Rollenbildern geprägt werden, die längst als überwunden galten. Allerdings liegt die gleiche Gefahr auch offline verborgen, in Form von veralteten Strukturen innerhalb der Gesellschaft. Eltern sollten ihre Kinder über den Umgang mit Medien aufklären und Missstände offen thematisieren, um den kritischen Blick ihres Nachwuchses von klein auf zu schärfen. Mit dem nötigen Werkzeug können die Kinder und Jugendlichen in ihrem späteren Leben selbst fundierte Entscheidungen unabhängig von Rollenklischees treffen und damit entscheidend dazu beitragen, antiquierte Rollenbilder endlich ad acta zu legen und die zukünftige Entwicklung der gesamten Gesellschaft positiv zu beeinflussen.

Foto: Shutterstock.com/Eugenio Marongiu

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden. Hier können Sie einen neuen Kommentar verfassen.

Sitzung abgelaufen

Ihre Sitzung ist abgelaufen. Möchten Sie fortfahren? Dann aktualisieren Sie bitte Ihren Browser.

Seite aktualisieren

Bestätigen

Klicken Sie auf Bestätigen, um die Aktion durchzuführen.