Deutsches Handwerk

Trotz Erfolg in der Krise

2017 warb die Internationale Handwerksmesse in München mit dem Motto „Made in Germany. Das Original. Echt bei uns im Handwerk“. Ein zentrales Leitthema der Branche, welches das deutsche Handwerk lange Zeit prägte. Doch diese Erfolgsgeschichte steht vor der Gefahr zu stagnieren.

Auf der Messe in München gibt es dauerhaft eine eigene Plattform für erfolgreiche Betriebe, die in Deutschland produzieren: das „Land des Handwerks“. An diesem Gemeinschaftsstand präsentieren sich jedes Jahr zehn besonders erfolgreiche Betriebe. Viele davon sind international aktiv. Sie zeigen die Vorteile von Made in Germany, wollen aber auch aufmerksam machen. 

Berufsalltag im Handwerk wandelt sich

Allerdings hat das deutsche Handwerk ein Nachwuchsproblem. 2017 meldeten bereits 4.250 Handwerksbetriebe Insolvenz an. Eine schlechte Auftragslage kann dafür nicht verantwortlich sein. Seit den letzten fünf Jahren steigt der jährliche Umsatz stetig an, zuletzt auf 581 Milliarden Euro in 2017. Die Zahl der Lehrlinge dagegen sinkt kontinuierlich. Waren es 1997 noch 633.000, befanden sich 2016 nur noch 363.000 Jugendliche in einer Ausbildung. Dabei ist das Problem im Osten des Landes und in südlichen Ballungsgebieten gravierender als im Westen. Weibliche Azubis entscheiden sich am häufigsten für den Beruf der Friseurin, bei den männlichen ist Kfz-Mechatroniker die erste Wahl. Doch insgesamt hat die Arbeit als Handwerker einen schlechten Ruf.

Zu Unrecht, denn das Bild des schmutzigen Arbeiters im Blaumann ist längst überholt. Der Berufsalltag fast jeder Branche wandelt sich. Laut einer Studie des Zentralverbands des deutschen Handwerks (ZDH) investierte 2016 jeder fünfte Betrieb in die Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen. Die Hauptgründe sind eine vereinfachte Organisation und effizientere Kundenakquise. Dies erfordert hochqualifizierte Fachkräfte; der Bedarf ist derzeit so groß wie nie.

Marktmechanismen des Handwerks greifen nicht

In Deutschland gibt es knapp eine Million Handwerksbetriebe; das Ausbaugewerbe macht mit rund 260.000 den größten Teil davon aus. Doch auch hier gelangen die Beschäftigten an ihre Grenzen. Im Durchschnitt warten Verbraucher, aber auch Vermieter und private Bauherren, neun bis zehn Wochen auf einen Handwerker. Bei größeren Auftraggebern sind es sogar mehrere Monate. Schon heute können die handwerklich Begabten den Markt nicht mehr vollständig bedienen. Erhält der Betrieb eine Anfrage, dessen Auftragsumfang größer ist als die eigenen Kapazitäten, kann die Realisierung gar nicht bzw. nur unter enormen Anstrengungen erfolgen. Um nicht direkt ablehnen zu müssen, erstellt die Firma ein Angebot mit übertrieben hohen Preisen, sodass der Auftragnehmer das Interesse verliert. 

Neben den fehlenden Fachkräften ist auch die Niedrigzinspolitik ein Grund für die langen Wartezeiten. Denn die Baubranche verzeichnet durch die günstigen Kredite einen enormen Anstieg von Neubauten. Dieser Boom könnte jedoch schon bald stagnieren. Die Knappheit von Handwerkern und Bauland lässt die Preise stark ansteigen. Normalerweise gleichen die Mechanismen des Markts diesen Missstand wieder aus. Hohe Preise locken schließlich neue Anbieter, die daran verdienen wollen. Doch das Nachwuchsproblem der Handwerker bleibt bestehen. 

Der deutsche Akademisierungswahn

Es gibt eine Branche im Handwerk, die es schafft, sich dem allgemeinen Trend zu widersetzen: die Uhrmacherzunft. Seit 2010 hat die Zahl der Uhrmacherazubis um mehr als 46 Prozent zugenommen. Der Markt ist widerstandsfähig, wenn auch die Zukunft durch die Einführung von Smart Watches ungewiss ist. Doch die analoge Branche verzeichnet einen nachhaltig wachsenden Umsatz. Denn teure Armbanduhren, mit echten Zeigern, gelten noch immer als Statussymbol. Auch in den übrigen Bereichen des Handwerks sind die Dienstleistungen zumindest ebenso gefragt und werden immer besser bezahlt; die Lehrlinge bleiben jedoch aus.

Der Hauptgrund dafür: Immer mehr Schüler entscheiden sich für ein Studium anstelle einer Lehre. Waren es im Jahre 2000 noch knapp ein Drittel, die sich an Hochschule oder Universität einschrieben, hat sich der Trend mittlerweile umgekehrt. Um mehr als eine Million ist die Zahl der jährlichen Studienanfänger in den letzten 25 Jahren gestiegen. Von Schule, Eltern und Gesellschaft wird der akademische Lebensweg eindeutig präferiert. Als Ergebnis bricht jeder Dritte sein Studium ab. Viele Schüler fühlen sich zu wenig informiert und setzen sich nicht ausreichend mit den vielfältigen Berufsbildern des Handwerks auseinander. Mehr als 130 verschiedene Ausbildungsberufe stehen zur Auswahl. Dabei gibt es viele Meister, die deutlich mehr verdienen als studierte Akademiker.  

Aufstieg zum Meister im Handwerk: Zwang oder lukrativ?

Um einen Handwerksbetrieb zu gründen, ist ein Eintrag in der Handwerksrolle unerlässlich. Hier sind 94 Gewerbezweige verzeichnet. Davon wird in 41 der Meistertitel vorausgesetzt. Die Kosten für eine Meisterschule variieren stark, je nach Beruf und Region, und liegen zwischen 4.000 Euro und 9.000 Euro. Exklusive der Prüfungsgebühren in Höhe von 750 Euro. Mit dem Meister-Bafög können Anwärter einen Zuschuss von 30,5 Prozent erhalten. Dennoch sind diese Beträge nicht gering und werden einem möglichen Mehrverdienst durch den Titel gegengerechnet. Laut einer Studie des ifo Instituts verdienen Meister durchschnittlich 487 Euro mehr als Gesellen. Außerdem melden Meisterbetriebe deutlich seltener Insolvenz an. Demnach ist das Investment sicher lohnend; zusätzlich ermöglicht der Meistertitel ein Studium im Fachgebiet. 

Kritiker hingegen sprechen vom „Meisterzwang“. Deutschland steht mit diesem System allein in der Europäischen Union. Denn im Ausland gilt: Schlechte Handwerker erhalten keine Aufträge und sortieren sich damit selbst aus. Die Forderung nach einer Öffnung des Markts für ausländische Handwerksbetriebe wird immer lauter. Denn in Deutschland gibt es Beschränkungen für diese Betriebe aus dem EU-Ausland. Sie müssen sich ebenfalls mit einer Ausnahmebewilligung in die Handwerksrolle eintragen und neben drei Jahren Ausbildung auch eine ebenso lange währende selbstständige Tätigkeit nachweisen.

Ende 2003 wurden bei 53 Handwerksberufen die Zulassungsbeschränkungen aufgeweicht, z.B. bei Fliesen- und Parkettlegern. Die Beschäftigungszahl hat sich hier schnell erholt: Die Branche zählt mehr als sechsmal so viele Mitarbeiter wie zuvor. Die Zahl der Gesellenprüfungen ist seither stark abgefallen, bis 2010 von ehemals 1.665 auf 658. Die Anzahl der Meisterprüfungen schrumpfte im gleichen Zeitraum von 557 auf 84. Grund dafür sind zahlreiche Einmannbetriebe ohne Ausbildungskapazitäten. Ob das Nachwuchsproblem damit für die Zukunft gelöst ist, bleibt zweifelhaft.

Verschärfte Lage des Handwerks  

Der Trend der sinkenden Lehrlingszahlen setzt sich seit Ende der Neunzigerjahre fort und spitzt sich weiter zu. Viele Inhaber würden ihren Betrieb gerne an Nachfolger übergeben. Allerdings finden sie schlicht niemanden, der diesen Job will. In den nächsten fünf Jahren werden rund 500.000 Handwerker und Handwerkerinnen pensioniert. Fast die Hälfte aller Handwerksbetriebe wird davon betroffen sein. Teilweise haben die Firmen selbst zu der Misere beigetragen, indem sie Auszubildende als billige Arbeitskräfte für Überstunden einsetzen. Auch hier ist der Personalmangel oft ein Grund. 70 Prozent der Azubis sind jedoch zufrieden mit ihrer dualen Ausbildung.

Auf der anderen Seite beschweren sich auch die Ausbilder über die Qualität der Bewerber. Nur jeder Fünfte erscheint zum vereinbarten Bewerbungsgespräch. Motivation und Leidenschaft für den Beruf sind laut Ausbildern selten zu finden. Die Quote der Abbrecher liegt in einigen Ausbildungsberufen bei knapp der Hälfte. Dazu gehören u. a. Köche und Gerüstbauer. Mittlerweile machen Betriebe gute Erfahrungen mit dem Einstellen von Flüchtlingen, z. B. aus Syrien. Die zumeist jungen Menschen sind hochmotiviert und weisen oft fundierte Kenntnisse vor. Daher sind einige Betriebe sogar gezielt auf der Suche nach Lehrlingen aus dem Ausland. Der Aufwand ist allerdings beachtlich, denn die bürokratischen Hürden sind hoch. Zusätzlich besteht die Gefahr einer möglichen Ablehnung ihres Asylantrags. Die Bundesregierung nimmt dabei keine Rücksicht auf die viel diskutierte, gelungene Integration. 

Neues Bewusstsein in der Bevölkerung

2018 präsentierte sich die Internationale Handwerksmesse unter dem Motto „Handwerk: die nächste Generation. Wir zeigen, was kommt“. Ob da eine kommt, ist jedoch mehr als fraglich. Zumindest fällt sie um ein Vielfaches kleiner aus als die vorherige. Um allen Faktoren, die diesen Trend begünstigen, entgegenzuwirken, ist ein Paket von Maßnahmen erforderlich. Mehr Aufklärung in den Schulen, der Abbau von Bürokratie und eine bessere finanzielle Unterstützung für Lehrlinge sollten dabei zentral sein. Doch auf politischem Weg allein lässt sich der Nachwuchsmangel nicht lösen. Auch Betriebe, Eltern und die Gesellschaft insgesamt müssen zu einem neuen Bewusstsein gelangen.

Für Betriebe ist es ratsam, um ihre Azubis zu werben, nicht umgekehrt. So kann beispielsweise mit zusätzlichen Gesundheitsleistungen oder anderen Vorzügen der Arbeitsplatz attraktiver gestaltet werden. Außerdem dürfen die Ausbilder nicht zu hohe Anforderungen an Bewerber stellen und sollten schulische Schwächen akzeptieren, solange sie nicht relevant sind für die entsprechende Arbeit. Auch Studienabbrecher sind eine vielversprechende Zielgruppe. Eltern wiederum stehen in unserer digitalisierten Welt vor der großen Aufgabe, Kindern die Freude am Erschaffen mit den eigenen Händen zurückzugeben. 

Über lange Zeit wurde das Abitur u. a. mit der Einrichtung von Oberstufenzentren gefördert, um Chancengleichheit herzustellen. Diese Initiative ist wichtig und muss weiterverfolgt werden. Doch nun ist es an der Zeit, die duale Berufsausbildung ebenfalls für alle Schichten zugänglich zu machen. Die Leistung des deutschen Handwerks ist enorm, die Beschäftigten besitzen tiefgreifende Kenntnisse und verdienen hohes Ansehen für ihre essenzielle Arbeit. Es muss ein Umdenken in der Gesellschaft stattfinden, damit weitere Maßnahmen wirksam greifen und möglicherweise einen neuen Boom auslösen. Denn der Markt ist genauso vielfältig wie lukrativ und von einer Sättigung weit entfernt. 

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