Die deutsche Start-up-Szene in ihrer Vielfalt

Die Welt der deutschen Start-ups ist innovativ, ehrgeizig und abwechslungsreich. Die Gründer kommen aus unterschiedlichen Bereichen und  eröffnen neue Blicke auf veraltete Arbeitsprozesse. Mit Stand von 2017 fanden sich die meisten Start-ups in Nordrhein-Westfalen, danach in Berlin, gefolgt von Baden-Württemberg und Bayern.

Zu den innovativen Newcomern gehören die Ideengeber des Floating Office, eines schwimmenden Tagungs- und Seminarraums in Berlin. Auf dem Designerseminarboot erzeugen unter anderem kreative Elemente eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre.  

Industrie 4.0: logistisches Tracking

Auch vom IoT-Anbieter blik (IoT: Internet of Things) kommen Business-Geistesblitze – er stammt aus München. Das Start-up präsentiert sich als Komplettlösung für transparente Logistik in der Industrie 4.0. Mittels Soft- und Hardware überwacht es Waren und Prozesse in Echtzeit. Mit den Informationen können Firmen eine Performance-Analyse durchführen um ihre Wertschöpfung zu steigern. 

Dieses Verfahren nutzt weder Barcodes noch Bluetooth, GPS oder RFID. Denn jede dieser Technologien hat ihre Schwächen, etwa Signalausfälle, besonders, wenn es um viele Einheiten geht. blik nutzt für diesen Zweck entwickelte Radiofrequenzen. Nach eigenen Angaben kann damit inner- und außerhalb von Räumen sowie in Bewegung kontinuierlich getrackt werden. Im Rahmen einer Projektarbeit für einen Automobilhersteller entwickelten die drei Gründer das innovative Produkt. 

Des Weiteren nutzt Watttron ein neues Verfahren für ein intelligentes Heizsystem mit keramischer Technologie. Damit ist es möglich, Kunststoffe auf kleinster Fläche unterschiedlich stark zu erhitzen und zu formen. So sind Material- und Energieeinsparungen von bis zu 30 Prozent möglich. Das Unternehmen ist eine ehemalige Ausgründung des Instituts für Naturstofftechnik der TU Dresden und des Fraunhofer-Instituts für Verarbeitungsmaschinen und Verpackungstechnik Dresden, der Kontakt zur Wissenschaft ist entsprechend eng. 

Public Relations smart organisieren

Meist gründen die jungen Teams im Umfeld der Informations- und Kommunikationstechnologien. Bekanntlich bietet das Internet zahllose Möglichkeiten. Dabei fällt es Unternehmen zunehmend schwerer, unter den zahlreichen Tweets und Posts die relevanten herauszufiltern. SocialHub begann 2013 mi der Entwicklung einer Strategie, um dies zu ändern. Das Ingolstädter Team um David Neuhaus programmierte ein Monitoring-Tool für Online-Medien. Dabei legte es hohen Wert auf eine intuitive Bedienung, mit der schnell auf Interaktionen reagiert werden kann.

Alle Einträge mit Bezug auf den Kunden werden erfasst und analysiert. Die Messungen sind differenziert und liefern ein präzises Bild der Meinungen im Netz. Auf Basis der Ergebnisse kann eine Firma beispielsweise ihre Strategie zur Kundenzufriedenheit anpassen. Auch im Bereich Text Mining nutzen Unternehmen die Software: Textdokumente jeglicher Art werden mit Bezug auf relevante Keywords oder semantische Beziehungen automatisch ausgewertet.

Per Definition agieren Start-ups innovativ auf Basis einer Technologie oder ihres Geschäftsmodells und bestehen seit weniger als als zehn Jahren. Das Durchschnittsalter lag 2018 allerdings  bei nur zweieinhalb Jahren, mit sinkender Tendenz im Vergleich zum Vorjahr. Start-ups macht auch  ein charakteristisches Merkmal aus: Sie streben ein signifikantes Wachstum von Mitarbeitern beziehungsweise Gewinn an oder haben dieses schon erreicht. Zu den Erfolgreichen zählt ein Start-up aus Erlangen, das nicht nur aufgrund seiner Personalaufstockung auf rund 50 Mitarbeiter beeindruckt.    

Pionierleistung: der gefahrlose Träger von Wasserstoff

Hydrogenious ist weltweiter Pionier im Bereich der flüssigen, organischen Wasserstoffträgertechnologie für die sichere und verlässliche Speicherung des Gases. Damit leistet das Start-up einen wichtigen Beitrag zu nachhaltigen Energiesystemen. Wasserstoff ist dreimal so energiereich wie Benzin und direkt verbrennbar. Eine weitere Möglichkeit ist die Speicherung in Brennstoffzellen. Dabei ergeben sich allerdings logistische Probleme, denn die Substanz ist hochexplosiv. In flüssiger Form muss sie auf minus 250 Grad heruntergekühlt werden und auch in Bezug auf Gas sind die Bedingungen nicht einfacher. Um eine ausreichende Energiedichte pro Volumen zu gewährleisten, ist ein extrem hoher Druck von bis zu 700 Bar notwendig. 

Als Daniel Teichmann 2009 sein Studium begann, entwickelte sich die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Nürnberg quasi mit ihm innerhalb weniger Jahre zum globalen Zentrum für flüssige und organische Wasserstoffträger, kurz LOHC (Liquid Organic Hydrogen Carriers). Drei Institute untersuchten gemeinsam mit dem ehrgeizigen Studenten Teichmann die vielfältigen Forschungsmöglichkeiten von LOHC-Technologien. 2013 kam der Durchbruch mit der Entdeckung einer neuen Trägerflüssigkeit. 

Wasserstoff wird massentauglich

Den Wissenschaftlern gelang es,  den Wasserstoff an die weder explosive noch toxische Substanz zu binden und jederzeit wieder freizusetzen. Dies führte zu enormen Fortschritten in den Laboren, sodass sich Teichmann mit der Unterstützung seiner Professoren zum Markteintritt und damit zur Gründung von Hydrogenious entschloss. 

Fünf Jahre und drei Investitionsrunden später hatte das Start-up viele Investoren für sich gewonnen und agiert heute in Europa und den Vereinigten Staaten. Besonders für die E-Mobilität bietet die Wasserstofftechnologie großes Potenzial, da es die Problematik der geringen Reichweiten beziehungsweise der zu großen Akkus löst. Erste Brennstoffzellen-Pkws sind bereits serienreif und warten auf ihren Einsatz. 

Ebenfalls auf Hightech-Materialen basiert das innovative Produkt von Texlock. Das Leipziger Unternehmen produziert in Deutschland Schlösser aus Textilfasern, die sicher, flexibel und leicht sind. Nicht nur Fahrräder werden damit diebstahlsicher gemacht, der Einsatz ist auch auf industrieller Ebene möglich.

Digitale Technologien im smarten Einsatz

Die Zahl der Start-ups in Deutschland ist 2017 deutlich gestiegen. Laut einer Studie der Förderbank KfW wagten 108.000 Gründer in insgesamt 60.000 Unternehmen den Schritt in die Selbstständigkeit. So auch Philipp Müller und Christoph Schwerdtfeger aus Berlin, die antreten, um Ladendiebstähle zu verringern. Durch widerrechtlichen Aneignungen entsteht dem deutschen Handel jährlich ein Schaden von über 2,2 Milliarden Euro. 

Das junge Start-up Cartwatch will diese Zahl durch intelligente Bildverarbeitung eindämmen. Die Lösung verfolgt Bewegungen von Waren. Steckt der Kunde etwas in Taschen oder Einkaufswagen, registriert die Kamera das Verschwinden. Der Dieb kann das Geschäft nicht mehr einfach durch den Eingang verlassen. Beim Überschreiten einer unsichtbaren Grenze ertönt ein Signal, sodass der Ladendetektiv eingreifen kann. Beim Bezahlvorgang entlastet die smarte Technologie zudem das Personal, denn eine Kamera checkt, ob sich noch unbezahlte Waren im Einkaufswagen oder Einkaufskorb befinden. 

nxtBase nutzt ähnliche technische Features und bringt damit die Funktion von Wearables auf ein neues Level. Das Start-up produziert sprachgesteuerte Datenbrillen für den Einsatz in industriellen Betrieben. Korrespondierende Applikationen werden auf einer zentralen Plattform zu ganzheitlichen digitalen Prozessen zusammengeführt. Assisted Reality nennt sich die neue Arbeitsweise. 

Benötigte Informationen sind jederzeit abrufbar und die Dokumentation von Arbeitsabläufen lässt sich effizient gestalten. Die Brille dient damit als zusätzliches Paar Augen, Gehirn und Gedächtnis und ermöglicht die konsequente visuelle Führung des Mitarbeiters im kompletten Lebenszyklus. Das Userinterface bietet Dokumentenviewer, Scanner, Kamera und Objekterkennung. Das Start-up sitzt in Potsdam und wird vom Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) gefördert. 

Digitalisiertes Recruiting

Für die wachsende Anzahl von technischen Geräten in Unternehmen benötigt man zunehmend die entsprechenden Fachkräfte. Frank Geßner und Matthias Schleuthner gründeten 4scotty im Jahr 2014. Mit ihrer Human-Resource-Technologie wollen sie den Prozess des Recruitings im IT-Bereich vereinfachen, indem sie die Rollen von Bewerber und Arbeitgeber vertauschen. Die begehrten Fachkräfte können direkt mit konkreten Jobangeboten eingeladen werden. 

Diese Lösung koppelt die Vorteile von Headhunting, Active Sourcing, Stellenausschreibungen und Employer Branding und optimiert sie für die Bedürfnisse von IT-Profis. Diese können sich mit ihren Fähigkeiten und Gehaltsvorstellungen präsentieren oder als Interessierte an einem Jobwechsel anonym den eigenen Marktwert ausloten. Das Berliner Start-up beschleunigt den gesamten Bewerbungsprozess, da es alle wichtigen Informationen bereits vor dem ersten Kennenlernen übermittelt. 

Ressourcen effizienter zu verteilen, ist auch ein Anliegen von ShareTheMeal. Das Start-up geht eines der gravierendsten globalen Probleme an: 11 Prozent der Menschen weltweit leiden unter akutem Hunger. Die App macht es leicht, Mahlzeiten zu teilen. Mit einem Fingerzeig werden 40 Cent gespendet. Dieser Betrag ist ausreichend, um einer Person ein vollwertiges Essen zu ermöglichen. Hinter der Initiative steht das UN World Food Programme (WFP), die größte Organisation im Kampf gegen den Hunger. Die Verwaltungskosten des WFP zählen zu den niedrigsten im gemeinnützigen Bereich, daher kommen 90 Prozent der Spenden den Bedürftigen direkt zugute. 

Lego der Zukunft

Durch TinkerBots fand die Digitalisierung Einzug in die bunte Welt der Bausteine. Kinematics aus Bernau hat die Steine quasi zum Leben erweckt und Kindern damit vielfältige Spielweisen eröffnet. Zunächst müssen sie die zahlreichen Einzelteile klassisch zusammenbauen. Ein konstruierter Roboter ist dann in der Lage, das Laufen zu erlernen, wozu ein programmierbarer Würfel  als Steuerungszentrale dient. Der Aufbau wird mit einfachen Symbolen erklärt, so machen schon Vorschulkinder erste Programmiererfahrungen.

Mithilfe der zugehörigen App kann man den  Spielzeugroboter vom Smartphone oder Tablet aus steuern. Geht es zuerst noch um die Grundlagen, steigern sich die Anforderungen stetig. Schließlich verbindet sich die virtuelle mit der realen Welt, indem die kleine Maschine durch ein Videospiel bewegt wird. Der TinkerBot kommt aber auch ohne App-Unterstützung aus. Alle Funktionen lassen sich ebenfalls über die zentrale Bedieneinheit realisieren. Zudem kann der Anwender die Roboter mit altbekannten Legosteinen ergänzen. 

Mit Robotik zum Erfolg

Die Idee dazu stammt von Leonhard Oschütz und Christian Guder. Während des gemeinsamen Produktdesignstudiums an der Bauhaus Universität Weimar entstand der Gedanke, Lego lebendig zu machen. 2009 begann die Entwicklung des Prototypen. Im April 2014 starteten die jungen Gründer schließlich eine Crowdfunding-Kampagne auf der Plattform Indiegogo. Innerhalb von 45 Tagen sammelte TinkerBots 800 Vorbestellungen für Baukästen im Wert von 300.000 US-Dollar. Damit konnte das Team die Entwicklung bis zur Marktreife vorantreiben.

2016 folgte der eigene Online-Shop, zudem ergatterte das Start-up wichtige Verkaufsflächen im stationären Handel. Seitdem sind die verspielten Roboter bei Jako-O, im KaDeWe und in vielen Real-Märkten zu Hause. Auch der weitere Expansionsweg sollte positiv verlaufen. 2017 wagten Oschütz und Leonhard den Schritt in die Internationalisierung. Mittlerweile findet TinkerBots Absatz in weiten Teilen Europas, sowie in Asien, Dubai, Neuseeland und den USA. 

Health-Care-Innovationen

Der Digitalisierungsgrad im deutschen Gesundheitswesen ist erschreckend niedrig, deshalb benötigt dieser Bereich dringend neue Ideen . GoSilico setzt bei dem langen Entwicklungsprozess von Medikamenten an, das Start-up stammt aus der Biotechnologie und macht aufwendige Laborexperimente überflüssig. 

Ferner automatisiert Inveox pathologische Labore und reduziert auf diese Weise Fehler bei Krebsdiagnosen. Durch ein Tracking jeder einzelnen Gewebeprobe können diese nicht mehr vertauscht werden. In einem strukturierten Transformationsprozess werden alle Arbeitsschritte digitalisiert, die Effizienz und Rentabilität der Pathologie steigern sich deutlich.

Pinke Farbe kämpft gegen Bakterien

Jedes Jahr sind rund 900.000 Patienten von einer Infektion betroffen, viele verlaufen tödlich. Bei der Händedesinfektion treten mehrere Probleme auf, die der Gründer des Start-ups Heyfair Robert Hellmundt allein durch die Farbe Pink gelöst hat. Diese Lösung macht Hygiene sichtbar. Dreißig Sekunden lang nimmt das innovative Desinfektionsmittel auf der Haut eine pinke Farbe an, nach 120 Sekunden ist es vollständig verblasst. So werden Hände automatisch häufiger und gründlicher desinfiziert. In Krankenhäusern wird so die Verbreitung von multiresistenten Krankheitskeimen verhindert. Um die Keime und Bakterien wirksam zu vernichten, muss der Anwender eine ausreichende Menge des Gels auftragen. Andernfalls können überlebende Stämme bereits hier Resistenzen entwickeln. Beim üblichen Verteilen von Desinfektionsmittel werden häufig Stellen nicht erreicht, und es entstehen Lücken. Davon abgesehen, dass es zu selten benutzt wird. Das Desinfektionsmittel von Heyfair verwandelt sich erst in die leuchtend pinke Farbe, wenn ausreichend viel davon angewendet wird. In diesem Status sind nicht behandelte Stellen deutlich zu sehen, sodass der Nutzer nachbessern kann. Möglich macht dies ein speziell entwickelter Naturfarbstoff, der sich durch Kontakt mit Sauerstoff zersetzt. Dabei entsteht die intensive Farbe, die zu einem Rosa verblasst und die Haut nach zwei Minuten vollkommen rein hinterlässt. So lange das Gel noch nicht getrocknet ist, kann es auf andere Materialen abfärben. Doch auch auf solchen Stellen verschwindet es schnell von allein.  

Bild von StartupStockPhoto auf Pixabay

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