Die Startup-Szene in Aachen: Forschung ergänzt Entwicklung

Startups sind schon per definitionem innovativ und lassen sich hierdurch von klassischen Existenzgründungen abgrenzen. Insgesamt ist die Gründungstätigkeit in Deutschland schwach ausgeprägt, von der Politik fehlen wichtige Impulse. Lokale Initiativen und Förderprogramme machen daher oft den Unterschied, und da Gründungswillige sind stets auf der Suche nach dem idealen Standort sind, kommt ihnen eine besondere Bedeutung zu. Dabei gehen die zu berücksichtigenden Kriterien weit über finanzielle Fragen hinaus. Es gilt, einen Ort zu finden, an dem junge Unternehmen sich entfalten können und für sie die Möglichkeit zu fruchtbaren Kooperationen besteht.


Der ideale Standort

Der Startup Monitor des Bundesverbands Deutsche Startups und der Unternehmensberatung KPMG gibt unter anderem Aufschluss über die Verteilung der Standorte im Land. Dabei wurden Unternehmen mit einer Bestandszeit von weniger als zehn Jahren berücksichtigt. In Nordrhein-Westfalen liegen 19 Prozent der Gründerregionen. Damit löst das Bundesland den bisherigen Spitzenreiter Berlin ab. In der Hauptstadt sind 15,8 Prozent der jungen Unternehmen angesiedelt. Auf Platzt drei und vier folgen Baden-Württemberg und Bayern mit 12,6 und 12,3 Prozent. Besonders in Metropolen ist eine hohe Dichte neu gegründeter Unternehmen vorhanden. Tendenziell entwickelt sich die Verteilung aber dezentral, denn Startups entstehen zunehmend auch an kleinen Hochschulstandorten.

Für Günther Schuh war diese Entscheidung naheliegend, denn er ist Professor an der Universität Aachen. Der Campus bietet dem Erfinder des kostengünstigen Elektroautos e.GO ideale Voraussetzungen. Sein Team stellte er mehrheitlich aus Studenten zusammen. Durch die Nähe zur Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) entstand eine enge Zusammenarbeit mit den zugehörigen Forschungsabteilungen. Die Virtual Reality Group ist Teil des IT-Centers und betreibt anwendungsgetriebene Forschung im größten VR-Labor der Welt. Dabei steht die immersive Visualisierung, das heißt das Einbetten von Personen in virtuelle Realitäten, im Fokus der Arbeit. Die VR Group entwickelt Lösungen für verschiedenste Fachbereiche und bringt den Aufbau einer interaktiv erlebbaren Digitalwelt signifikant voran. 

Technologie als Erfolgsfaktor

Einen großen Beitrag zum Erfolg leistet der sogenannte aixCAVE. Die fünfseitige Virtual-Reality-Installation zur Darstellung virtueller Umgebungen erzeugt ein enorm hohes Maß an Immersion. Durch die Qualität der Projektionen setzt das System neue Standards in diesem Bereich. Die spezielle Anordnung von vier digitalen Projektoren an jeder Seitenwand und acht am Boden ermöglicht eine 360-Grad-Ansicht von simulierten Daten. Die erzeugte Illusion erscheint fast real, kann relevante Informationen abrufen und erlaubt dabei natürliche Bewegungen im virtuellen Raum. 

Haben Startups schon in frühen Entwicklungsphasen Zugriff auf modernste Technologien, ist dies von unschätzbarem Wert für die Erfolgsaussichten der Unternehmung. Die synergetische Vernetzung mit Forschungseinrichtungen ist auch für die e.GO Mobile AG zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil geworden. Denn das Elektrofahrzeug kann insbesondere durch seine Kosteneffizienz überzeugen. Hochiterative Entwicklungsprozesse bei der Designoptimierung beanspruchen für gewöhnlich viel Zeit. Durch die immersive Darstellung des geplanten Fahrzeugs im aixCave konnten die Prozesse erheblich beschleunigt werden. Schon während der kreativen Erarbeitung des Design-Konzepts wurden Optimierungsvorschläge verarbeitet und von Produktionsforschern regelmäßig bewertet.

Silicon Valley in Deutschland?

Aachen zählt rund 240.000 Einwohner und befindet sich im Dreiländereck zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden. Diese Region haben internationale Konzerne wie Microsoft und Ford für ihre Forschungseinrichtungen ausgewählt. Verantwortlich dafür ist die mögliche Zusammenarbeit dieser Unternehmen über die Grenzen von Fachbereichen hinaus. Mit 210 Instituten in neun Fakultäten gehört die Technische Hochschule Aachen zu den führenden Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen des Kontinents. In den letzten 25 Jahren gingen daraus mehr als 1.400 Existenzgründungen hervor.

Für interessierte Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bietet das Gründerzentrum der RWTH ein umfassendes Beratungsangebot. Bereits seit dem Jahr 2000 begleitet ein professionelles Netzwerk jeden einzelnen Schritt, angefangen von der Ideenfindung bis hin zur Nachgründungsbetreuung. Zusammen mit der Industrie- und Handelskammer organisiert die Universität regelmäßige Startup-Wettbewerbe und Coaching-Events. Zudem kann sich der wissenschaftliche Nachwuchs für eine Förderung durch „RWTH Start-up“ bewerben. Mit Zustimmung des Gremiums wird eine Anschubfinanzierung von bis zu 40.000 Euro gewährt. 

Startup-City

Zu den erfolgreich gründenden RWTH-Absolventen gehören Andreas Kessell und Tim Hiddemann. Das Sortiment ihres Online-Shops umfasst unter anderem Antikörper, Proteine und Peptide. Mit mehr als 150 vertretenen Anbietern sorgt die antibodies-online GmbH seit 2006 für mehr Transparenz in dem Marktsegment Forschungsmaterial. Auch Bahman Nedaei und Zahir Dehnadi fanden ihre Nische im E-Commerce, sie bieten Kleidung in Übergrößen im Online-Shop „Navabi“. 

Ein weiterer Alumni der Universität in Aachen ist Alessio Avellan. Seine App „Jodel“ wurde im Play Store mehr als eine Million Mal heruntergeladen. Das Netzwerk arbeitet lokal und anonym. Ohne Anmeldung kann die virtuelle Pinnwand mit Posts gefüllt werden, wobei für den Nutzer nur Mitteilungen aus seinem Umkreis sichtbar sind. Unter Studenten ist die Plattform besonders beliebt. Im Schutz der Anonymität teilen sie tiefsinnige Gedanken, oder das komplette Gegenteil davon. 

Adhesys Medical entwickelte einen biokompatiblenKleber auf Basis von Polyurethan, der Wunden nach operativen Eingriffen vollständig verschließt. Im April 2017 integrierte das ebenfalls in Aachen ansässige FamilienunternehmenGrünenthal das Startup als hundertprozentige Tochtergesellschaft und trieb die klinischen Studien voran. 2018 erhielt der innovative Wundkleber die für die Vermarktung nötige Zertifizierung nach dem CE-Standard. Ergänzend arbeiten die Forscher an einem biodegradierbaren, d. h. selbstabbauenden Wundkleber zur Anwendung innerhalb des Körpers.

Durchstarter „HoloBuilder“

Virtual Reality bleibt ein Steckenpferd der Aachener. Unter dem Namen Bitstars fanden sich 2012 die Gründer Simon Heinen, Kristina Tenhaft und Mostafa Akbari-Hochberg zusammen. Sie entwickelten eine Software as a Service-Plattform (SaaS), mit der sich 3D-Inhalte für Web-, Augmented- und Virtual-Reality-Anwendungen erstellen lassen. Mit dem Förderprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums „German Accelerator“ erhielt das Startup 2015 die Möglichkeit, für einige Monate in den USA Kontakte zu knüpfen und ihr Geschäftsmodell zu optimieren. Die drei RWTH-Absolventen bauten ein amerikanisches Team auf und akquirierten sowohl Investoren als auch neue Kunden. 

Ein Jahr später wurde der Hauptsitz nach San Francisco verlegt. Der Fokus auf das Hauptprojekt „HoloBuilder“ verstärkte sich, sodass eine dahingehende Umbenennung des Unternehmens folgte. Diese Online-Plattform nutzen Bauunternehmen, um ihre Baustellen virtuell zu dokumentieren. Durch eine 360-Grad-Besichtigung ist der Einblick in den aktuellen Baufortschritt jederzeit von überall auf der Welt möglich. Heute beschäftigt das Softwareunternehmen rund fünfzig Mitarbeiter. Laut dem Augmented Reality Solutions Report 2019 gehört das Aachener Startup zu den Top Companies der Branche. 

Hightech-Schmiede

Das Startup Uze Mobility erregte gegen Ende des letzten Jahres Aufsehen durch den Kauf von 500 Streetscootern. Die Elektrofahrzeuge stammen ebenfalls vom e.GO-Gründer Günther Schuh, er entwickelte sie im Auftrag der Deutschen Post gemeinsam mit Prof. Achim Kampker von der RWTH Aachen. Bei Uze Mobility dienen die Streetscooter nun als Basis für eine eigene Carsharing-Flotte. Das Geschäftsmodell der jungen Aachener geht aber weit darüber hinaus: Um Stau und Abgase zu reduzieren, wollen sie den Verkehr digital erfassen. 

Dafür benötigen sie enorme Mengen von Daten. Deshalb sind die Leihfahrzeuge mit Messsystemen ausgestattet und werden den Nutzern entgeltfrei zur Verfügung gestellt. Die Finanzierung sichern Gründer Alexander N. Jablovski und Sebastian Thelen mit alternativen Einnahmequellen. Geplant sind E-nk-Displays an den Fahrzeugen, die Werbung ausspielen. Dabei können spezifische Kriterien wie Uhrzeit, Ort oder auch Wetterlage genau festgelegt werden. Beispielsweise erscheint die Werbung eines Eisproduzenten nur bei Sonnenschein und verweist dabei gleich auf den nächstgelegenen Verkaufspunkt. 

Die auf den Fahrten gesammelten Daten sind nicht allein auf eine betriebsinterne Verwendung begrenzt. Sie können auch an Unternehmen und Kommunen verkauft werden und nehmen damit ebenfalls eine wichtige Rolle im Finanzierungsplan ein. Die Sensoren in den Fahrzeugen messen unter anderem die Beschaffenheit des Asphalts und sammeln Emissionsdaten im Stadtgebiet. Auf diese Weise können Verantwortliche in der Verwaltung datengetriebene Entscheidungen im Hinblick auf notwendige Reparaturen treffen. Bei der Hardware-Entwicklung waren mehrere Universitäten eingebunden, neben der RWTH auch das MIT und die staatliche Universität in Shanghai. 

Um eine flächendeckende Verteilung des Carsharing Angebots zu realisieren, geht das Unternehmen zahlreiche Kooperationen mit Baumärkten, Möbelhäusern und anderen Händlern ein. Die zugehörigen Parkplätze dienen dann als stationäre Fläche. Kunden haben hierdurch die Möglichkeit, sperrige Einkäufe direkt nach Hause zu fahren. In Köln wird das System bereits getestet, Aachen, Bochum und Bremen sollen folgen.

Große Chancen bei hohem Risiko

Der Global Talent Competitiveness Index untersuchte im aktuellen Report 2019, in welchen Städten rund um den Globus Startups die besten Bedingungen haben. Demnach ist der beste Ort zum Gründen Washington D.C.. Die amerikanische Hauptstadt überzeugte mit einer dynamischen Bevölkerungsentwicklung, stabiler Wirtschaft und einer hervorragenden Infrastruktur . Auch die Verfügbarkeit von hochqualifizierten Fachkräften und Bildungseinrichtungen war ausschlaggebend für die gute Platzierung. Deutscher Spitzenreiter der Studie ist München auf Platz 20, Berlin folgt erst auf Platz 32 und Frankfurt auf Platz 39. Die Universitätsstadt Aachen ist bisher noch nicht auf dem Radar der großen Trend-Standorte. Ein Grund dafür ist der hohe Anteil  kapitalintensiver Hightech-Startups in der Stadt.

Von der technischen Produktentwicklung bis zur Zertifizierung und Marktzulassung benötigen die Hochtechnologie-Betriebe eine starke Finanzkraft. Abhängigkeiten von externen Regularien und Gesetzmäßigkeiten erhöhen das unternehmerische Risiko weiter, ebenso wie die Chance auf einen gewinnbringenden Erfolg. Die spezialisierten Produkte sind ausgerichtet auf den B2B-Markt und werden daher in der breiten Masse kaum wahrgenommen. Die starke Ausprägung von Hochtechnologien für institutionelle Kunden unterscheidet Aachen von typischen Startup-Citys, die sich mit Web- und Media-Diensten an den B2C-Markt richten.Mit einer breiteren Aufstellung kann die nordrhein-westfälische Stadt weiter an Attraktivität gewinnen, doch schon jetzt finden Gründerinnen und Gründer hier eine äußerst startup-freundliche Umgebung vor. Nordrhein-Westfalen investiert in den nächsten fünf Jahren 150 Millionen Euro in seine Hochschulstandorte und setzt damit wichtige Impulse für die Zukunft.

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