Digitalisierung und Industrie 4.0 in Deutschland

Eine Idee schneller als die Wirklichkeit

Kritiker schimpfen über den Begriff vierte industrielle Revolution. Denn während die ersten drei ihre Bezeichnungen erst erhielten, nachdem sie vollzogen waren, und man sicher sein konnte, dass sie tatsächlich stattgefunden hatten, sprach die Welt von der Industrie 4.0, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Über diesen Punkt zumindest ist sie hinaus. Denn wir stecken mittendrin in der Digitalisierung unserer Betriebe.

 

Ob der derzeitige Wandel irgendwann den Namen Revolution verdient, mag dahingestellt sein. Die Arbeitswelt in der herstellenden Industrie verändert er aber in jedem Fall.

Was genau ist Industrie 4.0?

Die Bundesregierung war die Erste, die dieser Entwicklung einen Namen gegeben hat. Also ist zumindest die Taufe ein Made-in-Germany-Produkt. Natürlich haben die Amerikaner nicht lange gefackelt und sich eine eigene Bezeichnung gesucht, mit einer leicht abweichenden Definition. Der Grundsatz ist aber, Maschinen digital miteinander zu verbinden, damit sie besser zusammenarbeiten. Und sie digital cleverer zu konstruieren, damit sie noch genauer arbeiten, eigenen Verschleiß erkennen und Produktionsabläufe selbstständig verbessern. Zusammengefasst: Industrie 4.0 soll das Internet der Dinge sein. Und die Verbindung zwischen Mensch und Maschine.

IT-Lösungen, Software und Plattformen

Wie sieht das in der Realität aus?

So abstrakt wie die virtuelle Welt klingen Erklärungen zur Industrie 4.0. Auf der Messe in Hannover 2018 wird sie greifbar. Konzerne aus der ganzen Welt stellen neue intelligente Roboter und Maschinen vor, dazu IT-Lösungen, Software und Plattformen, um alle Komponenten miteinander zu verbinden. Damit lassen sich Produktionsketten digital simulieren. Es entstehen neue Geschäftsmodelle, und Produktionsabläufe müssen nicht mehr teuer unterbrochen werden, weil Maschinen vorher wissen, wann sie neue Ersatzteile brauchen.

Daten, die in sozialen Netzwerken schon längst abgeschöpft werden, sollen helfen, Produkte auf Konsumenten besser abzustimmen und Individuelles kostengünstig herzustellen.

Was hat das für Folgen?

Und genau da liegt der Haken. So verlockend die Aussicht auf maßgeschneiderte Produkte für wenig Geld ist, so ungern lassen sich Kunden in ihr Privatleben spähen. Die neue Pflichttechnik in Autos macht es vor: Bei einem Unfall wird die Ambulanz automatisch informiert, wo der Wagen mit dem Verletzten zu finden ist. Schnelles Handeln kann Leben retten. Das bedeutet aber, dass die Wegdaten auch sonst abrufbar sind. Auch in der jährlichen McKinsey-Studie zur Industrie 4.0 sehen Firmen dies als eines der drei Hauptprobleme beim Einzug in die digitale Welt. Zumindest machen sich 18 Prozent Gedanken über Datensicherheit und sehen sie als Hürde.

Auf der anderen Seite werden durch maßgeschneiderte Produkte Mengen an Ressourcen geschont und Energie eingespart. Auch Arbeitszeiten werden flexibler: Gleitzeit und Homeoffice werden dank Digitalisierung zum Normalfall. Und Angestellte erhalten vollen Einblick in Produktionsabläufe. Das bedeutet neue Arbeitsplätze und Voraussetzungen. Lebenslanges Lernen wird zum Grundsatz: Die Digitalisierung wächst jährlich in rasantem Tempo.

Diese Entwicklung wiederum ist ein Bremsklotz für die vierte Revolution, denn sie verändert die Art zu arbeiten, und wie bekannt, braucht die Menschheit etwas Zeit, um Veränderungen zu verdauen. In der Bundesrepublik ist das nicht anders.

Trantüte Deutschland?

Obwohl in Deutschland die neue Industrierevolution zum ersten Mal ausgerufen wurde, liegen Unternehmen mit Made-in-Germany-Produkten eher im Mittelfeld im Rennen um die cleversten Produktionsketten. Wie kommt's? Denn gerade das Label Made in Germany verspricht auf internationalem Markt gute Qualität und Stabilität. Diese Zuverlässigkeit geht Hand in Hand mit einer gewissen Zögerlichkeit. Bisher fuhr man gut mit traditionellen Methoden. Ganz langsam, aber sicher kommen deutsche Firmen in die Gänge. Während 2016 ein Drittel der Unternehmen angaben, sich noch in der Vorbereitung zu befinden – beobachten, analysieren, abtasten: In der Bundesrepublik ist Vorsicht ein hochgeschätztes Gut – erklären ein Jahr später nur noch ein Viertel der deutschen Betriebe in einer Staufen-Studie, immer noch abzuwarten. Vier von zehn geben an, sie hätten in einzelnen Projekten bereits Smart-Factory-Abläufe involviert. Trotzdem: Erst 7 Prozent sprechen von einem umfassenden operativen Einsatz. Der gleiche Wert wie im Vorjahr.

Dabei gibt es Branchenunterschiede. So ist die Automobilindustrie beispielsweise viel weiter als der Maschinen- und Anlagenbau. Das ist nicht verwunderlich: Der Mittelstand ist Hauptmotor der deutschen Industrie und muss sich mit seinen Nischenprodukten nicht unmittelbar gegen andere durchsetzen. Dort ist der Maschinenbau zu Hause. Während die Großkonzerne der Automobilindustrie gezwungen sind, mit der internationalen Konkurrenz Schritt zu halten. Außerdem: Je kleiner die Firmen, desto schwieriger die Umstellung auf volle Digitalisierung. Sie kostet Geld, bevor sie welches einspart.

Hinzu kommt die Weiterbildung der Angestellten. Denn der Mittelstand hat einen stabileren Arbeiterstamm. Ein Wechsel der Belegschaft ist seltener. Zudem ist die Ausbildung zum Smart-Factory-Profi aufwendig. Das finden auch die Firmen in der McKinsey-Studie: Die richtigen Fachkräfte zu gewinnen oder auszubilden, sehen 21 Prozent als echtes Problem in der Digitalisierung.

Digitales Qualitätsmanagement und Echtzeitüberwachung

Es geht voran

Laut der Staufen-Studie sehen deutsche Firmen die gleichen Probleme, wie sie in der McKinsey-Umfrage identifiziert werden: Datensicherheit, Fachkräfte und die Fähigkeit, Daten korrekt zu sammeln und auszuwerten. Aber bei McKinsey gibt fast jedes zweite Unternehmen an, zumindest eine klare Sicht auf die Anwendungsfelder und die zu erwartenden Erträge der Digitalisierung zu haben. Ein Drittel hat einen festen Fahrplan und führt erste Tests durch. Digitales Qualitätsmanagement, wie Echtzeitüberwachung der Fertigung, wird sogar schon in einem Drittel der befragten deutschen Firmen genutzt. Klassisch produzierende Unternehmen suchen nach digitalen Lösungen, um produktiver zu werden. Eine Chance für Technologie-Start-ups und Softwarefirmen, deren Dienste häufig in Anspruch genommen werden: Fachkräfte der Zukunft.

Umsetzung Industrie 4.0

Wie die deutsche Unternehmensberatung McKinsey & Company festgestellt hat, hapert es nach den Testphasen an der Umsetzung. In der Studie wurden drei Teilbereiche für eine erfolgreiche Industrie-4.0-Transformation identifiziert:

1. Haben Unternehmen für sich entdeckt, welcher Teil der Digitalisierung für sie von Nutzen ist, sollte ein Fahrplan festgelegt werden. Pilotprojekte dienen dazu, ein Verzetteln in vielen kleinen Initiativen zu verhindern.

2. Steht der Plan, sollte man nach Partnern suchen, die das Metier kennen. Und die Mitarbeiter fest mit einbinden. Ohne sie gibt es keine erfolgreiche Digitalisierung.

3. Firmen, die in der Industrie 4.0 an der Spitze mitreiten, verbindet, dass der Vorstand sich des Themas angenommen hat. Hilfreich sei dann, Budgets zu setzen und Facharbeiter anwerben oder ausbilden lassen.

 

Topthema Datensicherheit

In Deutschland regelt das Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) den Umgang mit personenbezogenen Daten. Die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung ist im Prinzip verboten, außer bei ausdrücklicher Zustimmung der betroffenen Person. Ganz anders sieht es in den USA oder im zukünftigen Ex-EU-Land England aus. Auch das ist eine Bremse für die Digitalisierung, die aber in der Bundesrepublik durchaus begrüßt wird. Eine Furcht vor Ausspähung, die aber nicht nur Privatpersonen die neue Entwicklung skeptisch beäugen lässt. Denn während Firmen den Produktionsanstieg durch die Digitalisierung auf 20 Prozent schätzen, fürchten sie einen Angriff auf das digitale Netz ihrer Maschinen. Weshalb in der Entwicklung ein großer Fokus auf Internetsicherheit liegt. Aber eine hundertprozentige Absicherung gibt es im Netz einfach nicht.

Laut der McKinsey-Studie sehen sich auch 21 Prozent der Firmen gar nicht in der Lage, gesammelte Daten korrekt auszuwerten. Das sind Baustellen, die noch in Angriff genommen werden müssen. Und wie bei allen Neuerungen wird es dauern, bis Vorteile von Nachteilen getrennt werden können und dementsprechend Lösungen gefunden werden.


Bildnachweis: Shutterstock: Zapp2Photo, asharkyu; Fotolia.

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