Exklusiv Interview
mit Herrn Dr. Florian Langenscheidt

"Wir brauchen mehr Zuversicht"

Mit seinen Worten und Werken, mit scharfsinnigen Analysen zum Standort Deutschland, aber auch als Buchautor zu Themen wie Glück, Optimismus, Markenkultur, Verantwortung und Gründertum prägt Dr. Florian Langenscheidt als eine der bedeutendsten unternehmerisch tätigen Publizisten des Landes seit mehr als drei Jahrzehnten den öffentlichen Diskurs in Deutschland. Darüber hinaus ist er als Förderer junger Unternehmen und Start-ups, aber auch als sozial engagierter Botschafter für Stiftungen wie CHILDREN FOR A BETTER WORLD, die er mit seiner damaligen Ehefrau Gabriele Quandt zusammen gründete, und zahlreiche andere Organisationen tätig. Grund genug, ihn einmal nach seinen Ansichten zu aktuellen Fragen der heutigen Zeit, zum Wesen des Glücks und zur Innovationskraft des Standorts Deutschland zu befragen.

Herr Dr. Langenscheidt, Sie sind einer von Deutschlands gefragtesten Rednern, ein erfolgreicher und vielgelesener Buchautor, unter anderem auch zum Thema Glück. Darüber hinaus wirken Sie als Business Angel, Mäzen und engagieren sich in sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Organisationen wie dem Deutschen Gründerpreis, wo Sie das Kuratorium leiten. Wie bekommen Sie das alles unter einen Hut – und haben Sie überhaupt noch die Zeit, um glücklich zu sein?

(Lacht). Das ist ja eine gute Frage zum Einstieg. Die Antwort lautet: Ja, diese Zeit habe ich. Ich bin von vielen besonderen Menschen umgeben, denen ich vertrauen kann und ohne die ich nicht könnte. Zudem widme ich mich dem, was ich gerade mache, immer zu 100 Prozent. Wenn ich arbeite, arbeite ich konzentriert, kann aber auch gut um- und dann  abschalten. Wenn ich mich entspanne, dann richtig, und dazu gehört auch, dass ich zum Glück sehr gut schlafe.

Was sind Dinge, die Sie derzeit bewegen – beruflich und gesellschaftlich?

Was die Projekte angeht, so arbeite ich derzeit an zwei sehr spannenden: Wir erstellen mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ eine Neubearbeitung des Lexikons der deutschen Familienunternehmen. Das ist eine Leistungsschau des deutschen Mittelstandes, um den uns ja die ganze Welt beneidet. Wir stellen die spannendsten 1.000 Familienunternehmen in Deutschland vor und bieten den Lesern und Leserinnen damit eine Gelegenheit zu sehen, wo Deutschland im globalen Wettbewerb steht.

Das zweite Projekt, an dem ich arbeite, ist sehr viel persönlicher: Ich schreibe als Autor zusammen mit  anderen ein "Handbuch zum glücklichen Altern“. Jedes Alter bietet ganz spezifisches Glück, aber natürlich auch Unglück und Sorgen - und es gibt keinen Grund zu Angst vor dem Altwerden. Ich werde ganz tolle Beispiele von Menschen zeigen, die auch im hohen Alter noch äußerst zufrieden und aktiv sind und Unglaubliches leisten. Natürlich werden in dem Buch auch die Schattenseiten des Alterns nicht ausgespart, aber immer mit Hinweisen, wie man am besten damit umgeht. Schließlich fließen neueste Ergebnisse der Glücksforschung ein, die zeigen, auf was es beim glücklichen Altwerden ankommt. So gibt das Handbuch den Lesern Mut und auch Vorfreude auf das, was da noch kommt. Wir werden glücklicherweise ja älter und älter...

Kommen wir zurück zum Thema Glück. In Ihren zahlreichen Büchern zu dem Thema (1000 Glücksmomente, Motto meines Lebens, Sternschnuppenwünsche, Glück mit Kindern, 100 x MUT. Beispielhaftes fürs dritte Jahrtausend, Von Liebe, Freundschaft und Glück, Wörterbuch des Optimisten, Langenscheidts Handbuch zum Glück, Finde Dein Glück. Was im Leben wirklich zählt) und in Ihren Vorträgen widmen Sie sich ja intensiv diesem Thema. Wenn ich Sie nun fragen würde: Was ist denn nun Glück? Könnten Sie mir eine Quintessenz geben und wenn ja, wie lautete diese?

Das, was man als Glück empfindet, ändert sich im Laufe des Lebens enorm, und ich schreibe darüber seit 40 Jahren. Heute würde ich es so definieren: die eher seltenen und auch zerbrechlichen Momente des Sich-in-eins-Fühlens mit sich selbst, seiner Tätigkeit, den Menschen um einen herum, und vielleicht sogar mit dem Universum. In solchen Augenblicken löst sich der sequenzielle Zeitbegriff auf. Die uns ewig grübeln lassende Sinnfrage stellt sich nicht mehr - und wenn man diesen Zustand erlebt, möchte man einfach, dass er bleibt.

Also frei nach Goethes Bonmot „Oh Augenblick, verweile doch, Du bist so schön“. Was kann man denn selbst tun, um glücklich zu werden? Gibt es ein Rezept? Sie haben ja ein „Handbuch“, also eine Art Anleitung, dazu veröffentlicht.

Es gibt für Glück meines Erachtens nach kein Patentrezept, und der Weg zum Glück lässt sich nicht planen. Vielmehr ist es das Mindset, auf das es ankommt, und wenn ich daran arbeite, habe ich mehr Chancen, dass sich das Glück öfters einmal bei mir auf die Schulter setzt. Zudem ist jedem erfahrenen Menschen klar, dass nur Glück auf Dauer nicht funktioniert. Denn wir müssen auch schlechte Dinge und Unglück erfahren, um den Zustand des Glücks wirklich schätzen zu können. Nur so entstehen Tiefe und Charakter. Trotzdem lassen sich Faktoren nennen, welche die Wahrscheinlichkeit von Glück entschieden erhöhen. Zum Beispiel: Die kleinen Momente sind oft die großen – das Stichwort Achtsamkeit ist hier ganz zentral. Weniger ist oft mehr Glück. Ich brauche nicht immer mehr und mehr, um glücklich zu sein. Hinzu kommt das clevere Management eigener Erwartungen. Wenn ich das klug hinkriege, kann ich seltener enttäuscht werden. Paradox klingt, dass ich am meisten für mein Glück tue, wenn ich mich primär um das Glück anderer kümmere. Dazu zählt auch die Fähigkeit, sich bei seinen Mitmenschen zu entschuldigen und anderen zu verzeihen. Neid ist der Glückskiller überhaupt, die Fähigkeit zur Dankbarkeit hingegen erleichtert den Weg zum Glück substanziell.

Gibt es Vorbilder in Sachen Glück, an denen Menschen sich heute orientieren können, oder ist ein solches Ansinnen schon von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil Glück so individuell ist?

Die Dinge, die ich gerade genannt habe, sind allgemeine Parameter, die für alle gelten. Aber was ich persönlich in diesem Rahmen erlebe, ist höchst unterschiedlich: Es kann die Leidenschaft für den Fußball sein oder die für Meditation,  das Glück in der Oper oder bei einem Rave. Das verweist auf einen anderen Aspekt des Glücks: Jede und jeder kann in ihrer und seiner Lebenssituation Inseln des Glücks finden. Glück ist eine Entscheidung. Wir selbst sind dafür verantwortlich. Erasmus von Rotterdam sagte klug: "Glücklich ist, wer das sein will, was er ist." Es geht also nicht darum, Vorbilder zu finden, sondern auf seine eigene Stimme zu hören, den ganz persönlichen Weg zum Glück zu gehen und immer wieder herauszufinden, was wirklich zählt im Leben.

Kommen wir zum Glück der Nationen und betrachten dabei zunächst einmal unser eigenes Land. Wenn Sie Heines Zitat „Denk ich an Deutschland in der Nacht, …“ hören, was kommt Ihnen da in den Sinn?

Bis zur Jahrtausendwende waren wir immer beschämend weit unten im Weltglücksindex. Länder, denen es wirtschaftlich wesentlich schlechter ging, waren weit vor uns in der Rangliste. Das hing natürlich mit der Verarbeitung des Dritten Reiches und seiner schrecklichen Folgen zusammen, die uns ja zurecht viele Jahrzehnte lang beschäftigte. Als wir dann im Jahr 2006 weltoffene und entspannte WM-Gastgeber waren, kam ein Wendepunkt: Erstmals hatten wir wieder ein entspanntes Verhältnis zur eigenen Nation, als hätten wir uns ein wenig mit uns selbst versöhnt. Da waren Deutsche am Nebentisch im Urlaub nicht mehr peinlich. Wir wurden  in der Wahrnehmung der anderen Länder beliebter und waren plötzlich auch selbst viel glücklicher als in früheren Jahren. Das hat sich leider wieder negativ verändert. Wir haben eine toxische Kombination aus Sattheit, Agonie, Bedenkenträgertum, Umsetzungsschwäche und fehlendem Mut  die Oberhand gewinnen lassen. Doch wir müssen das Heft das Handelns wieder selbst in die Hand nehmen, vor allen Dingen auch im Hinblick auf die Herausforderungen, vor die uns starke Länder wie die USA und China heutzutage und zukünftig stellen.

Glück steckt an, Glück macht sympathisch Optimismus ist daher die wichtigste erneuerbare Energie in einer globalisierten Welt. Wir müssen wieder zu Zuversicht finden, um in diesen Zeiten, die herausfordernd, unsicher und chaotisch sind, einen festen Stand zu haben und eigene Wege zu gehen. Dass das derzeit nicht recht funktioniert, hängt sicher auch mit der politischen Führung zusammen.

Was können wir als Land denn konkret tun, um hier Abhilfe zu schaffen und diesen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen?

Nun, wenn man sich anschaut, wo die aktuellen Prioritäten liegen, wird schnell klar, dass wir uns hier dringend neu orientieren müssen: Denn während wir jahrelang den Brexit verhandeln, investiert China mal eben 950 Milliarden Dollar in das Projekt „Neue Seidenstraße“ und schafft damit die Basis für langfristige wirtschaftliche Erfolge. Was wir hier und heute brauchen, sind mutige Schritte in eine klare Richtung, und das schließt natürlich den europäischen Weg mit ein, den wir mit viel mehr Selbstbewusstsein und Stärke gehen sollten. Ein weiteres Gebiet, wo unser Handeln stringenter werden muss, ist die Klimakrise: Sie sollte endlich auch einmal unter dem Gesichtspunkt der Kraft menschlicher Kreativität gesehen werden, das heißt, dass wir uns bei der Lösung dieser Problematik nicht nur auf einzelne Optionen wie die E-Mobilität beschränken und uns auf diesen Pfad wie die Lemminge stürzen, sondern uns einer Vielzahl anderer Wege und Lösungsmöglichkeiten öffnen. Gerade die Digitalisierung eröffnet da viele neue Perspektiven.

Leider fokussieren wir im Alltag viel zu sehr auf das Negative und lassen Positives aus unserer Wahrnehmung herausfallen. Dieses Phänomen hat der leider verstorbene schwedische Professor Hans Rosling einmal prägnant so formuliert: „Berichte über langsame, allmähliche Verbesserungen schaffen es nur selten auf die Titelseiten, selbst wenn sie eine große Tragweite haben und Millionen Menschen betreffen.“ Da ist leider etwas Wahres dran. Es gibt unendlich viele Fortschritte zum Beispiel in Hinblick auf Alphabetisierung, Bildung, Lebenserwartung, Kindersterblichkeit und Hungerbekämpfung. Wir sollten uns das viel stärker ins Gedächtnis rufen und daraus den Mut und die Energie ziehen, kraftvoll auch in anderen Problembereichen Positives zu bewirken.

Wir leben glücklicherweise in einer Demokratie mit Meinungsfreiheit, haben uns jedoch viel zu viele Denkverbote aufgestellt. Wir müssen uns wieder stärker trauen, aus uns herauszugehen und einen freien Diskurs über alle wichtigen Themen zu führen. Allerdings in Toleranz für- und mit Respekt voreinander...

Bleiben wir beim Thema „Glück“ und kommen in diesem Zusammenhang einmal auf die jüngere deutsche Geschichte zurück. Inwieweit war auch der Mauerfall ein Glücksfall?

Der Mauerfall war ein Mega-Glücksfall. Ich habe zu seinem 30. Jahrestag eine Rede gehalten und am Anfang derselben darum gebeten, dass sich alle Anwesenden einmal für eine Schweigeminute erheben, um des damaligen Spirits zu gedenken, der uns leider in vielen Bereichen verloren gegangen ist. Diesen Spirit, der damals allgegenwärtig war, sollten wir wieder einmal stark werden lassen: dass das Unmögliche möglich werden und aus vielen kleinen Schritten ein Marsch werden kann.

Wir können so viel bewegen, nicht nur an der Wahlurne, sondern auch als Konsumenten. Denn was der Mauerfall gezeigt hat, ist vor allem, dass jeder etwas zum Wandel beitragen kann: damals gingen ganz viele Menschen aus den unterschiedlichsten Motiven zu den Demonstrationen, und diese vielen einzelnen mutigen Schritte haben schließlich zu einem solchen unerwarteten und glückhaften Erfolg geführt. Geschichte wird nicht geschrieben, wir schreiben sie.

Warum tun wir Deutschen uns eigentlich so schwer mit dem Glücklichsein? Sind uns Melancholie und Skepsis in die Wiege gelegt?

Was wir gut gebrauchen könnten, ist ein bisschen mehr Dankbarkeit für unsere Lebensumstände. Nehmen Sie zum Beispiel das deutsche Gesundheitswesen, an dem so viel herumgemäkelt wird: Es gibt nur wenige Menschen auf der Welt, die nicht entweder in den USA oder in Deutschland behandelt werden wollten, wenn sie ein kompliziertes gesundheitliches Problem haben. Oder denken Sie an das Thema innere Sicherheit: dass man bei uns sein Auto abstellen und recht sicher sein kann, es nach dem Abendessen noch am gleichen Ort vorzufinden, ist alles andere als selbstverständlich. Wohin Sie auch schauen, wir leben in einem wunderbaren Land voller Stabilität, Sicherheit und Schönheit. Das nicht zu sehen ist nicht sehr glücksfördernd.

Worauf wir allerdings ganz stark aufpassen müssen, ist unsere Wettbewerbsfähigkeit. Hier verlieren wir täglich an Schubkraft, denken Sie nur an Künstliche Intelligenz, das schnelle Netz oder Cloud-Technologie. Nur zwei deutsche Unternehmen sind noch unter den 100 wertvollsten der Welt. Die meisten unserer großen Firmen stammen aus der Gründerzeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diese muss eine Renaissance erleben, dann haben wir Riesenchancen. Wir dürfen uns nicht auf alten Erfolgen ausruhen, sondern neue erarbeiten. In Industrien, wo es heiß hergeht und die Zukunft definiert wird, musss eine neue Gründerzeit Einzug halten.

Apropos Gründerzeit:. Elon Musk hat ja kürzlich angekündigt, vor den Toren Berlins eine Gigafactory von Tesla zu errichten. Ist das nun ein Glücksfall? Oder steckt da mehr dahinter?

Natürlich ist das ein Glücksfall, und ich habe mich außerordentlich über diese Nachricht gefreut. Eine Weltfirma wie Tesla braucht leistungsfähige Standorte in den USA und auf der ganzen Welt, also auch in Europa. Berlin als Symbol der Freiheit und des Zusammenwachsens von West- und Ostdeutschland, aber auch von Europa als Ganzem, ist hierfür sicherlich ein hervorragend geeigneter Standort, und Tesla wird uns viele Impulse geben.

Sie sind seit vielen Jahren auch als Business Angel ein kompetenter Ansprechpartner für Start-ups. Wie sehen Sie Deutschland in diesem Bereich aufgestellt?

Ja, das ist eine große Leidenschaft von mir und macht mir nach wie vor sehr viel Spaß: Angefangen habe ich 1997, als wir mit unserem Portal buecher.de Amazon Konkurrenz machten und das Unternehmen dahinter schließlich auch an die Börse brachten. Seit 22 Jahren bin ich nun im Gründerbereich tätig, der letzte schöne Exit war der mit Jochen Schweizer. Heute konzentriert sich die Szene ja eher auf den B2B- als den B2C-Bereich. Es gibt unglaublich viele Gründerinnen und Gründer in unserem Lande. Dennoch bevorzugen sehr viele Menschen einen festen Arbeitsplatz als selbst ein Unternehmen zu gründen. Das Risiko, das man eingeht, aber auch das Glück, das man fühlt, wenn man Erfolg hat und tolle Produkte sowie Arbeitsplätze schafft, sind etwas ganz Besonderes. Und genau das brauchen wir heute in Deutschland, denn wenn wir in 50 Jahren zurückschauen werden, sind es genau diese heute noch jungen Unternehmen, welche die Welt von morgen und unseren Erfolg darin bestimmen. Schwierigkeiten bereitet uns dabei, dass unser Heimatmarkt, verglichen mit China und den USA, sehr viel kleiner ist. Zudem fehlt uns im Bereich der Disruptivität oft eine gewisse Radikalität der Gedanken. Und schließlich fehlt vielfach das Geld, um gute Ideen, die im Kleinen funktionieren, auch an den großen Markt zu bringen und weltweit zu verwirklichen. Wir überlegen oft noch, während die anderen schon das Geschäft machen.

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