No deal? No thanks!

Die anhaltende Lähmung der britischen Politik lässt einen ungeordneten Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union immer wahrscheinlicher werden, auch wenn alle Seiten beteuern, dass dies nicht geschehen dürfe und auch nicht geschehen werde. Und in der Tat sind die verantwortlichen Volksvertreter in London, Brüssel, aber auch Berlin aufgefordert, dieses Worst Case Szenario nicht wahr werden zu lassen.

Zu viel steht auf dem Spiel, nicht nur für die Briten selbst, deren Volkswirtschaft neben einer Währungsabwertung auch den Verlust vieler Arbeitsplätze durch den Wegzug von Unternehmen aus dem Industrie- und Finanzdienstleistungssektor zu verkraften hätte. Und was nutzt eine schwache Währung dem Export, wenn die Handelswege nach Europa zukünftig deutlich holpriger würden?

Aber zurück zu Deutschland. Auch unserer exportstarken Wirtschaft kann der Brexit nicht egal sein, und Berechnungen zufolge ist er das auch nicht. Um bis zu einem halben Prozentpunkt niedriger könnte die deutsche Wirtschaftsleistung infolge eines harten Brexits ausfallen, schätzen Experten. Denn immerhin gehört Großbritannien mit einem Außenhandelsvolumen von gut 120 Milliarden Euro zu einem der wichtigsten Abnehmer deutscher Produkte, was sich auch im hohen Exportüberschuss in Höhe von mehr als 47 Milliarden Euro niederschlägt. Besonders betroffen von einem No Deal-Austritt wäre die hiesige Automobilbranche. Mit fast 800.000 Neuwagen sind die Briten der größte Importeur deutscher Autos, hinzu kommen jede Menge Ersatzteile. Autobauer wie BMW hängen mit ihrer „just in time“ getakteten Produktion erheblich am Tropf der länderüberschreitenden Logistikketten. Insgesamt transportieren Tag für Tag über 1.000 LKW Teile für die auf der Insel ansässigen Autobauer durch den Eurotunnel. Wie sich eine Wiedereinführung von intensiven Grenzkontrollen auf diese fragile Lieferkette auswirken würde, kann sich jeder selbst ausmalen.

Doch nicht nur die Autobauer sind „not amused“ über das drohende Debakel in Sachen Brexit. Auch Branchen wie die Pharmaindustrie müssten sich bei einem Austritt der Briten auf erhebliche Schwierigkeiten bei der Einfuhr und der Zulassung ihrer Medikamente im Vereinigten Königreich einstellen. Das birgt erhebliche Umsatzrisiken und könnte die Erträge deutlich schmälern. Die eingangs erwähnte Pfundschwäche könnte die negativen Effekte für Deutschland noch verstärken, denn sie bedeutet, dass die Briten mehr für deutsche Produkte zahlen müssten. Ein schwacher Trost ist es da, dass dafür ihre Exportstärke zunimmt.

Immerhin einen für die deutsche Wirtschaft – besser, die deutsche Finanzwelt – positiven Aspekt hat die Brexitdebatte gebracht: Die Bafin teilte jüngst mit, dass fast 50 Banken ihren Sitz entweder komplett nach Deutschland verlegen wollen oder ihre Präsenz hierzulande zumindest planen auszubauen. Das schafft sowohl Wachstum als auch Arbeitsplätze, verschärft aber gleichzeitig in der Region rund um Frankfurt die Wohnungsknappheit. Last but not least erwägt ein Gutteil der hier lebenden 105.000 britischen Staatsbürger, aufgrund des drohenden Austritts ihres Heimatlandes einen deutschen Pass zu beantragen, um weiterhin die Vorzüge der Freizügigkeit uneingeschränkt genießen zu können. Doch bei aller Freude über die kulturelle Bereicherung, welche die neuen Deutschen unserem Land sicherlich bescheren würden – der Preis dafür ist definitiv zu hoch.

Foto: Freestock.org/pexels

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