Weniger Arbeit für alle?

Nahezu im Wochentakt kündigen deutsche Industrieunternehmen, aber auch Banken und andere Dienstleistungsfirmen, neue Programme zum Stellenabbau an. Zu den prominentesten Beispielen zählen in diesem Zusammenhang sicherlich Siemens (Personalabbau gesamt: 6.900 Stellen, davon 2.900 in Deutschland), E.ON (5.000 von etwa 70.000 Stellen nach der Übernahme der RWE-Tochter Innogy), Bayer (12.000 Stellen weniger weltweit, davon 4.500 in Deutschland) und Deutsche Bank (2018 wurden 6.000 Stellen abgebaut, bei einem Zusammenschluss mit der Commerzbank droht der Verlust von 30.000 Arbeitsplätzen).

Besonders hart von Stellenstreichungen betroffen ist der Automobilsektor. Hier leiden nicht nur die Hersteller unter schwindenden Umsätzen, dem Dieselskandal und dem Trend hin zu Elektroautos, sondern auch die Zulieferer. So kündigte Schaeffler an, gut 900 Stellen hierzulande einzusparen. Bosch, einer der größten Automobilzulieferer weltweit, will hat bereits 600 Arbeitsplätze im Bereich Antriebstechnik abgebaut. Doch ob diese Zahl das Ende der Fahnenstange ist, darf getrost bezweifelt werden. Schließlich hängen bei Bosch weltweit rund 50.000 Beschäftigte an der Automotive-Sparte, davon 15.000 allein in Deutschland. 

Auch bei den Kunden der Zulieferer, den Automobilherstellern, läuft es personaltechnisch alles andere als rund. Volkswagen schickt in den kommenden Jahren bis 2023 insgesamt 30.000 Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit – ein Großteil dieses Kahlschlags, der Abbau von 23.000 Stellen, wird in Deutschland erfolgen. Ford streicht allein an seinen deutschen Standorten gut 5.000 Stellen. Und auch die übrigen Autokonzerne stehen vor massiven Stellenstreichungen in den kommenden Jahren. Doch dass es dazu kommt, hängt im Falle der Autoindustrie nicht nur mit Absatzschwierigkeiten und dem Dieselskandal zusammen, sondern schlicht und ergreifend mit der Tatsache, dass für den Bau von Elektroautos deutlich weniger Mitarbeiter gebraucht werden. Die Antriebstechnik ist im Vergleich zu Verbrennungsmotoren deutlich einfacher gestrickt.

Hinzu kommt ein weiterer Trend, der für alle Branchen quer durch die Bank gleichermaßen gilt: Eine zunehmende Digitalisierung der Fertigungsprozesse unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ wird die Produktivität der Fabriken hier und anderswo deutlich nach oben schrauben. In Verbindung mit einem nur noch mäßig wachsenden bzw. protektionistisch abgeschotteten Weltmarkt ist das die Basis, auf der auch in Zukunft mit tendenziell sinkenden Beschäftigungszahlen in der Industrie gerechnet werden muss.

Und was macht der Dienstleistungssektor? Branchen wie Handel, Banken und Versicherungen sind mittendrin in der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse. Wo Online-Banking, automatisierte Vertragsgestaltung und SB-Kassensysteme Einzug halten, werden ebenfalls immer weniger Angestellte benötigt. Die vielgepriesene Digitalwirtschaft, die mit ihren Innovationen der Motor dieser Entwicklung ist, kann die durch sie verursachten Jobverluste nicht ansatzweise ausgleichen.

Gefragt sind daher in Zukunft neue Modelle zur Verteilung von Arbeit und Produktivitätsfortschritt. Denn mit den Methoden des 19. Jahrhunderts im Hinblick auf die Sozial- und Arbeitsgesetzgebung lassen sich die vielfältigen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht mehr bewältigen. Gefragt sind daher neue Lösungsansätze. Dazu zählen unter anderem die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens und die Ausweitung von Teilzeitbeschäftigungsmodellen. Denn eines zeigt der Reigen der Stellenabbauprogramme ganz deutlich: Nie war der klassische Vollzeitarbeitsplatz im industriellen Sektor mit Tarifbindung so sehr Auslaufmodell wie heute.

Foto: Sergey Merzliakov/shutterstock.com

Kommentare (1)

Martin

Arbeitsplätze gehen verloren, weil es sich nicht mehr lohnt, in Deutschland zu investieren: drohende Enteignungen, überzogene Bauauflagen, hohe Steuersätze und staatliche Willkür, Technikfeindlichkeit. Wen wundert es?

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