Wie digitalisiert ist Deutschland?

Digitalisierung ist mittlerweile ein Reizthema der deutschen Wirtschaft. Obwohl es allerorts hitzig diskutiert wird, fehlt es an konkreten Umsetzungsprojekten. Auch die Politik hat den Handlungsbedarf schon vor Jahren erkannt. Was passiert wirklich?

Der jährlich erscheinende Monitoring Report Wirtschaft DIGITAL von Kantar TNS untersucht im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) den Digitalisierungsgrad der gewerblichen Wirtschaft in Deutschland. Der diesjährige Bericht bescheinigt den Unternehmen mit 54 von 100 Punkten einen stagnierenden Wert. Verglichen mit dem Vorjahr ist das mittelmäßige Ergebnis unverändert, in einzelnen Gewerbezweigen zeigen sich aber durchaus Tendenzen. Die Industrie hat sich in den vergangenen zwei Jahren um sechs Punkte gesteigert und kommt nun auf einen Wert von 45. Besonders der Maschinenbau und die Elektroindustrie sind heterogen vernetzt und bieten individuelle Maßfertigungen. Allgemein liegt der industrielle Fokus noch zu häufig auf interner Prozessoptimierung anstelle von digitalen Produkten und Anwendungen für Kunden. 

Die deutschen Dienstleister sind digital besser aufgestellt und verzeichnen im aktuellen Bericht einen leichten Rückgang auf 55. Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) können mit 74 Punkten unter allen im Bericht analysierten Branchen den höchsten Digitalisierungsgrad vorweisen, der Maschinenbau folgt mit 48 Punkten erst auf Platz sechs. Fast alle untersuchten IKT-Unternehmen bieten digitalisierte Produkte oder Services. Der deutsche Handel spiegelt den durchschnittlichen Gesamtwert von 54 wider. Große Digitalisierungsvorhaben sind hier nicht geplant, daher ist auch in den kommenden fünf Jahren kein signifikantes Wachstum zu erwarten. Der Gesundheitssektor erreicht beschämende 37 Punkte und belegt den letzten Platz.  

Digitale Errungenschaften im Vergleich

Als Basis für den EU-weiten Vergleich dient der Digital Economy and Society Index. In diesem Jahr befindet sich Deutschland nach wie vor auf Platz 14 von den 28 Mitgliedsstaaten und bleibt damit gewohnt durchschnittlich. Spitzenreiter ist Dänemark, gefolgt von Schweden und Finnland. Die Niederlande ergattern mit deutlichem Abstand vor Luxemburg den vierten Platz. Vor Deutschland rangieren außerdem Österreich, Litauen und Malta. Aussagekräftig wird das Ranking jedoch erst, sieht man es in Relation zu den digitalen Vorreitern USA und China. Denn Europas Anteil an den 60 wertvollsten Tech-Unternehmen beträgt nur 3 Prozent. Die USA können 64 Prozent für sich beanspruchen. Asiatische Technologiekonzerne wachsen am stärksten und machen weltweit einen Anteil von 31 Prozent aus. 2 Prozent entfallen auf Afrika.

Der Kraftfahrzeugbau ist die umsatzstärkste Branche in Deutschland und war einst weltweiter Innovationstreiber. In der jüngeren Vergangenheit hingegen hat diese Sparte Schwerpunkte falsch gesetzt und zukunftsrelevante Themen nicht erkannt. Heute ist es die am wenigsten digitalisierte Industriebranche in Deutschland. Beim Thema sauberes Fahren sorgt sie für Negativschlagzeilen, während andere Länder, wie die Niederlande, beeindruckende Fortschritte bei der Entwicklung und dem Einsatz von E-Mobilität machen. Suchmaschinenriese Google befindet sich bereits in der Testphase mit selbstfahrenden Pkw und ist damit den deutschen Spezialisten ebenfalls weit voraus. 

Das jüngste IT-Unternehmen im DAX ist SAP mit einem Gründungsalter von 46 Jahren. Seither wurden viele Erfolgsgeschichten geschrieben, allerdings hauptsächlich in den USA. Die Etventure-Studie Digitale Transformation 2017 hat einen direkten Vergleich der beiden Nationen gewagt. Insgesamt fühlen sich die US-Unternehmen besser vorbereitet und schätzen ihre Mitarbeiter bezüglich digitaler Aufgaben als höher qualifiziert ein. Deutsche Betriebe hingegen hemmt die digitale Unsicherheit. Der Wandel wird mit dem Verlust von Arbeitsplätzen verbunden, während die Amerikaner auf Wachstum durch neue Geschäftsmodelle setzen. Doch nicht in jeder Beziehung ist der Rückstand dermaßen groß, in einem Punkt kann Deutschland sogar mehr überzeugen. Denn hierzulande arbeiten 35 Prozent der Unternehmen mit Start-ups zusammen, in den USA sind es nur 14 Prozent. 

Digitale Transformation ohne Breitband 

Die rückständige Entwicklung hierzulande hat mehr als eine Ursache. Zum einen schafft die Politik nicht die nötigen Rahmenbedingungen für eine großflächige Digitalisierung. So halten sich die Bemühungen, bürokratische Hürden abzubauen, in Grenzen. Ein ganzheitliches Konzept für das deutsche E-Government der Zukunft fehlt vollständig. Das Festhalten an veralteten Strukturen lässt keinen Wandel zu. Dadurch hat es die Regierung im letzten Jahrzehnt verpasst, die richtigen Weichen zu stellen. 

43 Prozent der Unternehmen sehen zudem die mangelhafte Breitbandverfügung mit Abstand als größtes Hindernis bei der Umsetzung von digitalen Strategien. Ein großflächiger Ausbau ist die dringlichste Forderung der Firmen an die Politik. Bereits seit mehreren Wahlperioden beschwört die Regierungspartei in ihrem Programm eine Breitbandoffensive, speziell im ländlichen Raum. Demnach wird seit 2009 eine flächendeckende Versorgung „massiv vorangetrieben“. Vier Jahre später stellte die CDU in Aussicht, das Ziel werde 2018 erreicht. Mit einer aktuellen Durchschnittsgeschwindigkeit von 15,3 Mbit/s ist Deutschland jedoch weit entfernt von den bescheiden versprochenen 50 Mbit/s.

Fehlendes Know-how 

Zuständig für den Breitbandausbau ist der Minister für digitale Infrastruktur und Verkehr, in der vergangenen Legislatur war dies Alexander Dobrindt. Dem zweiten Inhaltspunkt widmete er allerdings deutlich mehr Aufmerksamkeit und verstrickte sich in Diskussionen um Legalität und Sinnhaftigkeit der Pkw-Maut. In einem Sonderbericht über die neue Abteilung digitale Gesellschaft stellt der Bundesrechnungshof dem ehemaligen Minister schon Anfang 2016 ein Armutszeugnis aus. Beim Aufbau war keine strukturierte Vorgehensweise erkennbar. Haushaltsmittel in Milliardenhöhe wurden gefordert, ohne Kostenanalyse oder konkrete Planung der technischen Umsetzung. Infolgedessen setzte das BMVI auf die Übergangstechnik Vectoring mit Kupferkabeln anstelle der zukunftsweisenden Glasfasernetze. Erst Anfang 2018 wurde der Bericht über das Planungschaos publik, Konsequenzen für den zuständigen Politiker gab es nicht.

Zurzeit legt die Bundesnetzagentur fest, nach welchen Kriterien Lizenzen für den neuen Mobilfunkstandard 5G vergeben werden. Die fünfte Generation überträgt 10 Gbit/s. Durch die schnelle Reaktion ist die Durchführung von Projekten wie autonomes Fahren oder eine Zentralsteuerung von Landmaschinen möglich. Landbewohner fürchten einer erneute Vernachlässigung ihrer Regionen und die fehlende Teilhabe am digitalen Fortschritt. Mit einer flächendeckenden Versorgung hingegen würden sich in diesem Raum neue Geschäftsmodelle entwickeln, und Ballungsgebiete könnten entlastet werden. Dafür ist es allerdings nötig, den Ausbau nach neuesten Standards bis in alle ländlichen Regionen voranzutreiben. 

Digitale Herausforderungen warten

Neben dem Wettbewerbsnachteil Breitband bemängeln deutsche Unternehmer die strikten Datenschutzrichtlinien sowie fehlende verlässliche Standards. Weitere Gründe für die langsam voranschreitende Digitalisierung sind geschäftsinterner Natur. Der Zeitaufwand ist zu groß, nötiges Know-how nicht vorhanden, und die Investitionskosten sind zu hoch. 25 Prozent betrachten es nicht als notwendig, Maßnahmen zu ergreifen. Weitere Ursachen hat im letzten Jahr eine Studie der Förderbank KfW offenbart. Demnach spielt Angst vor der immens erscheinenden Herausforderung eine Rolle. Digitale Technologien bieten vielfältige Möglichkeiten und Einsatzgebiete. Dadurch entsteht eine große Unsicherheit, wo anzufangen ist. 

Dessen ungeachtet entwickeln sich digitale Technologien mit enormer Geschwindigkeit und setzen Unternehmen unter Zugzwang. Es ist ein grundlegender Kulturwandel erforderlich, wobei klare Strategien die Zielsetzung vorgeben. Die Höhe der Umstellungskosten hängen stark von der individuellen Organisation ab. Viele Studien belegen mittlerweile, dass die Digitalisierung von Arbeitsprozessen laufende Kosten senkt und die Effizienz steigert. Mit Offenheit und Fehlertoleranz ermöglicht sie die Neugestaltung von Geschäftsmodellen und -prozessen. Vorerst sind auch kleinere Teilprojekte machbar. Für den richtigen Anfang gibt es die Möglichkeit, Beratungsangebote von staatlicher Seite in Anspruch zu nehmen. 

Fördermittel und Support vom Bund

Der deutsche Staat bietet bei der Umsetzung bisher zwar kein gutes Vorbild, mit der Förderinitiative Mittelstand 4.0 – Digitale Produktions- und Arbeitsprozesse soll der Fortschritt aber zumindest in der deutschen Wirtschaft voranschreiten. Die speziellen Kompetenzzentren sind über die gesamte Republik verteilt, richten sich an kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) und informieren über technische sowie produktive Möglichkeiten für den eigenen Betrieb. Im Rahmen des Programms wurden zusätzlich spezialisierte Agenturen gegründet. Sie helfen bei der praktischen Umsetzung, bieten zahlreiche Veranstaltungen und Workshops und erklären die spezifischen Methoden anhand von Praxisbeispielen. 

Mit dem Förderprogramm go-digital stehen KMU weitere Angebote zur Verfügung, unterteilt in die Kategorien digitalisierte Geschäftsprozesse, digitale Markterschließung und IT-Sicherheit. Durch das BMWI autorisierte Unternehmen bieten in diesen Bereichen nützliche Hilfeleistungen. Sie beraten im Vorfeld, um anschließend den gesamten Transformationsprozess zu begleiten und unterstützen. Sämtliche Formalitäten in Bezug auf mögliche Fördermittel werden hier übernommen. So können beispielsweise für Maßnahmen, die den Verlust sensibler Daten verhindern, Finanzierungen beantragt werden. Maximal sind 30 Beratertage vorgesehen, geknüpft an bestimmte Kriterien. 

Deutschlands Digital-Vorzeigebetriebe

Orientierung geben auch so genannte Corporate Influencer . Dabei fungieren digitale Pioniere als Vorbild. Sie zeigen, wohin die Transformation führen kann. In den USA gehören die CEOs von Facebook und Tesla zu den einflussreichsten Influencern in sozialen Netzwerken. Die Vorstände der deutschen Großkonzerne kann hingegen kaum jemand benennen. Gehen Führungskräfte mit gutem Beispiel voran, hat dies sowohl eine interne als auch externe Wirkung. Die Digital Leader aus den Vereinigten Staaten dienen jedoch nur eingeschränkt als Vorbild, da sie den klassischen Transformationsprozess von konservativen Firmen nicht durchlaufen haben. 

Weniger als 7 Prozent der deutschen Unternehmen können als digitale Vorreiter gelten. Lediglich  5 Prozent davon stammen aus der Industrie. Dazu gehört der Autobauer Daimler, der sich durch ein digitales Geschäftsmodell und erfolgreiches Recruiting von digitalen Talenten hervortut. Auch im Sport ist die Digitalisierung angekommen. Karl-Heinz Rummenigge wurde dabei zur Symbolfigur. Der heutige Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München gründete die Tochterfirma FCB Digital & Media Lab GmbH, die alle digitalen Aufgaben bündelt. Außerdem richtete er einen dreitägigen Hackathon aus, an dem 226 Experten aus 43 Ländern teilnahmen. Als Zielsetzung wurden neue Einsatzmöglichkeiten für innovative Technologien gesucht. Aus sportlicher Sicht mag der Verein polarisieren, die digitale Herausforderung meistert er vorbildlich.

Top 10 digitalisierte Unternehmen

  • Otto Group: E-Commerce-Vorreiter
  • EOS GmbH: Weltmarktführer für 3D-Drucker
  • Daimler AG: digitale Geschäftsmodelle, Recruiting
  • SAP: größter europäischer Softwarehersteller
  • TeamViewer: global führend bei Fernwartung von Computern und Smartphones
  • Schunk Group: Weltmarktführer für Greifsysteme und Spanntechnik
  • Axel Springer Verlag: vollständig digitalisiert
  • Zalando: digitales Geschäftsmodell
  • Bosch: führend bei Patentliste für autonomes Fahren
  • Hoyer: Innovationsführer bei intelligent vernetzter Logistik

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