Wie kommt das Handwerk aus der Azubimisere heraus?

Seit Jahren kämpft das Handwerk mit schwindenden Lehrlingszahlen. Immer mehr junge Menschen ziehen den vermeintlich einfachen, karriereorientierten Weg in Bürojobs vor, immer mehr Schulabgänger gehen an die Universitäten und Fachhochschulen. Doch wie kommen die Gewerke zu mehr Azubis?

Viele Berufsstarter möchten lieber Bauingenieure und Pädagogen werden als Zimmermann oder Elektrikermeister. Seit Ausbildungsbeginn 2017 sind die Zahlen der Azubis in den Handwerkbetrieben wieder leicht angestiegen – dank junger Flüchtlinge, die sich für eine Lehre interessierten. Eine dauerhafte Lösung für das deutsche Handwerk sieht anders aus. 

Image des Handwerks leidet

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) schätzt, dass bürokratische Hürden noch immer zu hoch sind, um grundsätzlich mehr Flüchtlinge anzustellen. Dabei spielt vor allem mangelnde oder unklare Rechtsicherheit eine Rolle. Auch können Betriebe sich nicht in jedem Fall darauf verlassen, dass der Lehrling für die volle Ausbildungszeit bleibt. 

Auf der Internationalen Handwerksmesse in München im Frühjahr 2018 diskutierten Teilnehmer erneut über das Thema des fehlenden Nachwuchses. Größtes Problem ist nach aktuellen Umfragen das Image des Handwerks, das trotz diverser Kampagnen offenbar noch immer leidet. Denn das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) hat in einer Umfrage unter 1.700 Schülern herausgefunden, dass die Jugendlichen sich eher gegen eine Lehrstelle im Handwerk entscheiden, wenn sie befürchten, mit ihr bei Freunden oder in der Familie weniger Anerkennung zu erhalten als mit der Wahl eines Studiengangs. Der gesellschaftliche Druck ginge sogar so weit, dass die Schulabgänger sich selbst dann gegen einen handwerklichen Beruf entscheiden, wenn dieser sie wirklich interessiert. Die Schüler gaben an, dass soziale Anerkennung den größten Einfluss auf ihre Berufswahl habe. 

Die Gesellschaft verkopft

Tatsächlich gelten Handwerksberufe besonders im städtischen Leben nicht mehr als schick. In immer mehr Haushalten arbeiten beide Elternteile außerhalb des Handwerks, haben studiert oder einen kaufmännischen Beruf erworben. Die Arbeit im Büro und am PC genießt einen höheren Stellenwert. Besonders die Digitalisierung hat diesen Imagewandel beeinflusst. Wer nicht aus einem handwerklich geprägten Haushalt kommt, denkt oft nicht einmal über eine solche Berufswahl nach. In der Folge blieb 2017 bundesweit jeder fünfte Ausbildungsplatz im Handwerk unbesetzt. 

Das BIBB rät dazu, Ausbildungen in diesem Umfeld generell attraktiver zu gestalten. Eine Möglichkeit wäre, die Aufstiegsmöglichkeiten nach der Ausbildung zu verbessern und diese an Schulen und in Plattformen on- wie offline stärker zu bewerben. 

Handwerk muss wieder attraktiv werden

Die Unkenntnis über Berufe des Handwerks unter Jugendlichen ist zum einen das größte Problem, zum anderen aber auch eine große Chance. Denn wo keine Kenntnisse vorhanden sind, können diese neu und positiv geschaffen werden. Die meisten Auszubildenden informieren sich nicht breit gefächert über ihre Möglichkeiten, sondern entscheiden sich für einen Beruf, den sie aus ihrem privaten Umfeld kennen. So wählen sie beispielsweise den des Vaters oder der Tante. Ausschlaggebend ist immer auch die finanzielle und soziale Stellung, die das jeweilige Vorbild darstellt.

Um Lehrlinge auch in die bisher unbekannteren Berufszweige zu bringen, ist eine Imagekampagne nötig. Vor wenigen Jahren kursierte eine Plakat- und Werbeaktion, sie warb für „das Handwerk“. Doch was genau sollen sich Jugendliche darunter vorstellen? Was ist ein Handwerker? Die wenigsten Schüler wissen, dass sie heute auch digital im Handwerk eine Menge leisten können, etwa als Lebensmitteltechniker oder Elektroniker.  

Was sind angesagte Handwerksberufe?

Die beliebten Bereiche des Handwerks sind noch immer die Klassiker, manche inzwischen leicht angepasst an die modernen Zeiten. So gilt im Jahr 2018 als insgesamt beliebtester Handwerksberuf mit 22.221 Azubis der Kfz-Mechatroniker/die Kfz-Mechatronikerin. Doch auch Fachkräfte für Lagerlogistik, Tischler, Maler und Zimmerleute stehen mit auf der Liste der beliebtesten 20 Ausbildungsberufe. 

Was sie alle gemeinsam haben? Sie sind seit Generationen in Mode und bekannt. Als Lehrling in einem solchen Beruf weiß man, was auf einen zukommt, nicht nur in der Ausbildung, sondern auch im späteren Berufsleben. Was früher der Mechaniker war, ist heute zwar der Mechatroniker, aber grundlegend ist es eine Tätigkeit für Technikinteressierte.

Was kann das Handwerk für seine Beliebtheit tun?

Um für die handwerkliche Ausbildung generell zu werben, startete im Herbst 2018 die Elternkampagne „Ja zur Ausbildung“. Sie richtet sich an Mütter und Väter, die sich über die Ausbildungswege für ihre Kinder informieren wollen. Die Webseite gibt Hinweise, liefert Filmclips, einen Kinospot, Flyer, Plakate und unterhält Facebook- und Instagram-Profile. Finanzierer sind neben den baden-württembergischen IHKs auch das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau sowie die Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit.

Doch langfristig helfen wohl nur Ausbildungs- und Berufsbotschafter der einzelnen Gewerke. Letztere sollten sich für deutlich mehr Bekanntheit ihrer Branchen einsetzen, wettbewerbsfähig werden und mit attraktiven Angeboten ihren Nachwuchs für sich gewinnen. Dafür ist moderne Kommunikation auf Augenhöhe notwendig, nicht mit den Eltern, sondern mit den angehenden Azubis. 

Ein Ausbildungsberuf, der immer unbeliebter wird, ist übrigens der des Fleischers. Vielen jungen Menschen sei dieser Bereich zu blutig, die meisten wüssten nicht, dass es sich heute kaum noch um einen Schlachterjob handele. Auch der Bäcker galt noch 2017 als einer der unbeliebtesten Tätigkeiten, nicht unbedingt aufgrund seiner Aufgaben, sondern eher aufgrund seiner unattraktiven Arbeitszeiten.

Foto: alfa27 / Adobe Stock

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